Borderline-Syndrom

Interview mit Nesrin SamdereliYasemin Samdereli zu Almanya - Willkommen in Deutschland

Heimat ist, wo das Herz ist: Mit Almanya - Willkommen in Deutschland liefern Yasemin und Nesrin Samdereli einen ebenso hinreißenden wie kompetenten Beitrag zur Integrationsdebatte. SKIP traf die Sisters in Berlin.

SKIP: Wie autobiographisch ist dieser Film eigentlich?

Yasemin Samdereli: Total. Es sind sehr viele Szenen aus unserem Leben in dem Film.

Nesrin Samdereli: Weihnachten ist zum Beispiel eine reale Szene. Das war wirklich so, dass wir Kinder uns ein richtiges Weihnachtsfest gewünscht haben, und meine Mutter einfach nicht gewusst hat, wie das geht (lacht).

SKIP: Sehr schön war auch die völlig unverständliche Kunstsprache, in der sich die Deutschen unterhalten - im Gegensatz zur Familie Yilmaz, die sich untereinander in akzentfreiem Deutsch unterhält ...

Yasemin Samdereli: Damit konnten wir einerseits dieses Gefühl vermitteln von "Du kommst irgendwo an und verstehst überhaupt nichts“ - das kennt ja jeder.

Nesrin Samdereli: ... Das geht einem ja schon so, wenn man aus Norddeutschland nach Bayern kommt (lacht) ...

Yasemin Samdereli: ... Und andererseits mussten wir die Sprachen irgendwie unterscheiden, wir wollten aber auf keinen Fall, dass sich die Türken untereinander in gebrochenem Deutsch oder mit so einem Fake-Akzent unterhalten, wie man es auch oft sieht. Denn es will sich doch keiner mit Charakteren identifizieren, die irgendwie herumstammeln.

SKIP: Ihr seid, wie die "Heldin“ Canan im Film, mittlerweile die dritte Generation eurer Familie, die in Deutschland lebt. Ist das bei euch immer noch so, dass ihr euch entwurzelt vorkommt oder zwischen den Kulturen schwebend?

Nesrin Samdereli: Nicht wirklich! Man kennt das Land, aus dem unsere Eltern kamen, aber das ist ja auch nicht mehr so, wie es damals war.

SKIP: Die "Heimaten“ unserer Kindheit sind ja fast alle verschwunden.

Yasemin Samdereli: Ich glaube ja auch nicht an diesen Heimat-Begriff. Wer wird denn heut noch in einem Dorf geboren und lebt dort, bis er stirbt? Es ist doch heute total üblich, dass man in andere Länder reist und woanders lebt, in anderen Kulturen. Vielleicht ist Heimat nur eine diffuse Sehnsucht nach irgendwas, von dem man nur glaubt, dass es mal existiert hat.

Nesrin Samdereli: Es wird aber wieder zum Thema, wenn man sich dort, wo man lebt, nicht zugehörig fühlt. Wenn man schon als Kind immer wieder hört "Wann geht ihr denn wieder zurück in eure Heimat“, dann fühlt man sich nicht zuhause.

Yasemin Samdereli: Im Prinzip fragt sich doch jeder, wohin er gehört. Das ist aber auch eine Frage zwischen den Generationen. Ich merke in vielen Lebenslagen, dass mein Leben anders ist als es das meiner Eltern war.

SKIP: In letzter Zeit darf auch im Kino über Themen wie Immigration und Integration immer öfter gelacht werden. Gibts für euch eine Grenze, bis wohin man sich lustig machen darf? Oder darf Satire prinzipiell alles?

Nesrin Samdereli: Satire darf alles - aber wir sind nicht Satire. Wir sind ja nicht bösartig.

Yasemin Samdereli: Aber prinzipiell finde ich, dass alles gesagt werden darf. Meinungsfreiheit ist unglaublich wichtig - und dazu gehört auch die künstlerische Freiheit, dass man alles so provokant sagen kann, wie man will.

Interview: Gini Brenner / Februar 2011

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