Die Lust des Jägers

Interview mit Jack Nicholson zu Das Versprechen

Jack Nicholson gehört zu den lebenden Hollywood-Legenden. Das Killergrinsen, die langsam raspelnde Stimme, der Schalk in den Augen. Ob sich das mit dem Alter geändert hat, erfuhr Elisabeth Sereda im Exklusiv-Interview anlässlich seines neuen Filmes.

SKIP: Stimmt es, dass Sie Sean Penn schon kennen, seit er in den Windeln lag?

Jack Nicholson: Kann man fast so sagen, ja. Ich traf Sean zum ersten Mal in Helenas Rollschuhclub. Helena. Sie wissen schon. Die ist ja mittlerweile auch eine Legende. Sie lebt in einem der Häuser auf meinem Anwesen. In den achtziger Jahren führte sie das berühmte "Helena´s", einen Nachtclub. Und zum Spaß eröffnete sie auch noch einen Rollschuhclub, der jeden Samstag im Valley die Leute anzog. Sean trieb dort sein Unwesen. Und ich schaute zu, hehe.

SKIP: Ihr neuer Film Das Versprechen ist ziemlich düster. Schon das Thema, und dann die visuelle Umsetzung. Wie war da eigentlich die Stimmung bei den Dreharbeiten?

Jack Nicholson: Ich würde das Set nicht als düster beschreiben. Wir alle genossen die gemeinsame Arbeit sehr. Für mich war das Besondere an dem Film die Locations und die Tatsache, dass ich deshalb 7000 Meilen auf den Tacho brachte, weil ich dauernd zwischen all den verschiedenen Orten in Kanada hin und her fuhr. Das Wetter war sehr unbeständig, und wir wechselten oft die Locations.

SKIP: Kannten Sie den Roman von Friedrich Dürrenmatt, auf dem der Film basiert?

Jack Nicholson: Wie alle amerikanischen Schauspieler kenne ich Dürrenmatt natürlich vom Besuch der alten Dame, dem Stück, das Lunt und Fontaine am Broadway spielten. Das Versprechen las ich einige Jahre später und auch einen Essay über die Idee und die Entstehung. Dürrenmatt wollte ein TV-Stück schreiben und war wütend darüber, dass alle Krimis immer nach derselben Masche gestrickt sind: ein Verbrechen wird begangen, ein Held betritt die Szene, folgt den Clues, löst den Fall. Die Allerweltsweisheit eben. Aber für einen Schweizer Existenzialisten war das natürlich nicht gut genug. Also schrieb er Das Versprechen als eine Art Rebellion gegen die alltäglichen Krimis.

SKIP: Wenn man den Roman liest, kann man sich nur schwer eine Verfilmung vorstellen. Hatten Sie keine Bedenken?

Jack Nicholson: Doch, und wie. Aber Sean überzeugte mich mit dem Drehbuch. Was mich besonders überraschte war dieses unterschwellige Gefühl, dass der Polizist der Killer sein könnte. Es war subtil und sehr sensibel geschrieben.

SKIP: Sean Penn verkündet immer wieder groß, dass er nur mehr Regie führen will und nie wieder schauspielen. Glauben Sie ihm das?

Jack Nicholson: (lacht) ... Nein, natürlich nicht! Aber ich glaube ihm, dass er derzeit in dieser Phase steckt. Und er soll sie auch ausleben. Ich mag ihn als Regisseur.

SKIP: Haben Sie keine Lust darauf?

Jack Nicholson: Aufs Regie führen? Karrieren sind eine lustige Sache. Ich wollte immer mal Regie führen, aber man braucht dazu viel mehr Zeit als fürs Schauspielen. Und die Zeit wollte ich mir nie nehmen. Abgesehen davon ist niemand wirklich an mir als Regisseur interessiert. Die Leute wollen mich nur als Schauspieler. Es wäre ein Wunder, wenn ich mal die Regie übernehmen würde. Ich bin aber gar nicht sauer, wenn es nie passiert.

SKIP: Sie betonten in den letzten Jahren oft, wie sehr Sie den Schauspielberuf lieben, und dass es Sie erstaunt, dass Sie Ihr ganzes Leben diesem Beruf gewidmet haben. Wann wußten Sie, dass es eine Berufung ist?

Jack Nicholson: Als ich einem Kritiker einen bösen Brief schrieb. Er nannte mich den hölzernsten Schauspieler außerhalb des Schwarzwalds. Ich fragte ihn daraufhin: "Wirklich? Was ist mit Charlton Heston?"

SKIP: In Das Versprechen haben Sie eine besonders innige Beziehung zu dem Mädchen, das sie beschützen wollen. Als Vater haben Sie ebenfalls den Ruf, dass Sie sich extrem um Ihre Kinder bemühen. Ist es mit höherem Alter leichter Vater zu sein?

Jack Nicholson: Ich will hier nicht sagen, dass meine 2 kleinen Kinder meine Rettung waren, denn ich musste nicht gerettet werden, aber sie haben auf jeden Fall mein Leben verbessert. Sie sind der Mittelpunkt meines Lebens. Und diese bedingungslose Liebe, die man nur seinen Kindern gibt und nur von seinen Kindern zurück bekommt, hat meinem Leben mit Sicherheit einen neuen Sinn gegeben.

SKIP: Was unternehmen Sie mit den Kids?

Jack Nicholson: Ach, wir gehen manchmal in Aspen schifahren, heute abend zu einem Basketballspiel und wenn ich es schaffe, ihre Nasen aus diversen Videogames zu kriegen, dann unternehmen wir auch Campingtrips, gehen in Museen und machen sonst alles, was Eltern mit Kindern tun sollten.

SKIP: Wieviel Geld kriegen Sie pro Film?

Jack Nicholson: (lacht) ... Zu viel!

SKIP: Sind Sie mit Ihren Exfreundinnen befreundet? Oder glauben Sie nicht an Freundschaft zwischen ehemaligen Liebespartnern?

Jack Nicholson: Ich würde gern daran glauben. Manchmal funktioniert es ja auch. Bei anderen ist es schwierig. Aber man sollte niemals nie sagen. Sogar zu Anjelica (gemeint ist Anjelica Huston, von der sich Nicholson im Streit trennte, Anm. d. Red.) habe ich jetzt wieder ein normales, zivilisiertes Verhältnis.

SKIP: Ihre derzeitige Freundin ist die 35jährige Schauspielerin Lara Flynn Boyle, die Sie zungenleckend als "deliziös" bezeichnet. Ihre Antwort?

Jack Nicholson: Ich kann damit leben, dass mich Frauen attraktiv finden ... (lacht) ... Mir erzählen die Frauen immer diese wunderbaren Lügen: "Wir mögen diese jungen, durchtrainierten Körper gar nicht. Die sind doch viel zu narzisstisch. Jack, du bist ein älterer Mann, du kannst mir soviel beibringen..." Kann ich natürlich nicht, aber ich fühle mich trotzdem geschmeichelt. Als ich jünger war, beobachtete ich andere Frauen mit meinen älteren Freunden und schwor mir, dass ich darauf nie hereinfallen würde. Ich würde niemals diesen wunderschönen jungen Frauen glauben, die vorgeben, einen 87jährigen attraktiv zu finden. Hey, heute brauche ich einen Fallschirm, so schnell falle ich darauf herein! Mir bleibt nur ein Ausweg: Ich kann zu all diesen jungen Muskelprotzen sagen: sieh mal, Junge, du kannst morgen genauso tot sein wie ich! Im übrigen hat mir Lara verboten, über unsere Beziehung zu sprechen.

SKIP: Dabei redet sie selbst dauernd darüber.

Jack Nicholson: Das ist das Vorrecht der Frauen - einem Dinge zu verbieten, die sie selbst dann tun. Nur soviel dazu: Ich renne den Frauen hinterher, die ich haben will, nicht sie mir. Ich bin der Jäger, nicht umgekehrt.

SKIP: Angeblich sollen ja Frauen allen Alters Sexträume von Ihnen haben. Haben Sie irgendeine Idee, woran das liegt?

Jack Nicholson: Ich bin in einem Schönheitssalon aufgewachsen und komme daher mit Frauen fabelhaft aus, und ich glaube nicht, dass sie wirklich Angst vor mir haben, sie sind nur ... aufgeregt ... (Nicholson zeigt sein berühmt teuflisches Grinsen).

Interview: Januar 2001

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