Rauchgebot

Interview mit Aki Kaurismäki zu Le Havre

Aki Kaurismäki ist ein bisschen wie seine Filme: kauzig, schrullig, einzigartig, voller Alkohol und Nikotin - und ständig kommt aus der Hinterhand ein lakonisch-genialer Oneliner. SKIP traf den Regisseur des VIENNALE-Eröffnungsfilms in Cannes.

SKIP: Ihr Held riskiert viel für ein schwarzes Flüchtlingskind. Was würden Sie selbst in so einer Situation tun? Würden Sie helfen?

Aki Kaurismäki: Ich wünsche mir, dass ich das tun würde. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich gebe jedem ein paar Münzen, der mich anbettelt, aber wenn es mehr Engagement bräuchte, dann bin ich mir nicht sicher, wie ich reagieren würde. Und das ist wohl die Frage, um die es hier geht.

SKIP: Auch in Ihrem neuesten Film wird wieder irrsinnig viel geraucht. Wie machen Sie das in Zeiten des globalen Rauchverbots?

Aki Kaurismäki: Es wird immer schwieriger. Bei Le Havre musste ich für den Plot die ganze Zeit künstlich so tun, als wäre es 2007, damit die Leute im Film in den Bars rauchen können. Und während unseres Drehs wurde das vor Ort auch wieder Normalität. Rauchen ist nicht gesund, das weiß ich schon, aber es ist mein Menschenrecht.

SKIP: Sie haben einmal gesagt, je pessimistischer Sie über das Leben generell denken, desto optimistischer werden ihre Filme. Le Havre ist sogar sehr optimistisch geworden ...

Aki Kaurismäki: Wenn man einmal die Grenze des Pessismus überschritten hat, dann geht gar nichts mehr. Dann kann man auch gleich optimistisch tun, weil die Hoffnung ist sowieso futsch. Ich vertraue der Menschheit nicht, ganz und gar nicht. Na gut, Ihnen vertraue ich.

SKIP: Aber wenn die Hoffnung verflogen ist, was hält Sie dann überhaupt noch am Arbeiten?

Aki Kaurismäki: Ich bin Teil der menschlichen Gesellschaft. Wir gehen Hand in Hand in die Hölle.

SKIP: Bei Ihren Filmen wird aber immer viel gelacht - versteht Ihr Publikum Sie wirklich so falsch?

Aki Kaurismäki: Wenn die Leute lachen, bedeutet das wenigstens, dass sie für ihre Tickets bezahlt haben.

SKIP: Gibt es irgendwo in Ihnen einen letzten Rest Romantik?

Aki Kaurismäki: Aber klar, ich bin der letzte übriggebliebene Romantiker. Hoffe ich zumindest. Weil ich bin einfach ein hoffnunglos romantischer Pessimist.

SKIP: Und als pessimistischer Romantiker - was kann Sie da glücklich machen? Ein gutes Essen oder ein guter Film …?

Aki Kaurismäki: Es macht mich glücklich, am Morgen nicht aufzuwachen.

SKIP: Nicht aufwachen zu müssen, meinen Sie?

Aki Kaurismäki: Nein, gar nicht aufzuwachen.

SKIP: Filmemachen macht Sie auch nicht fröhlich?

Aki Kaurismäki: Nein, es ist langweilig. So wie es Homer Simpson immer sagt: Laaaaangweilig.

SKIP: Aber wer zwingt Sie denn dann dazu?

Aki Kaurismäki: Ich bin zu faul, um irgendeine ehrliche Arbeit zu machen.

SKIP: Das klingt wie der Titel der Biographie von Robert Mitchum, It sure beats working (in etwa: Auf alle Fälle besser als Arbeit, Anm.)

Aki Kaurismäki: Der Titel gefällt mir (lacht). Ich mag Robert Mitchum sehr. Selbst bei den größten Produktionen bestand er drauf, um fünf Uhr Feierabend zu machen. Sogar mitten in einer Szene hörte er einfach um fünf zu spielen auf und ging nach Hause. Da kochte ihm seine Frau etwas. Er hat nie nach fünf gearbeitet und ist deshalb auch nie auf irgendeine Hollywood-Party gegangen.

SKIP: Und wie ist das bei Ihnen?

Aki Kaurismäki: Ich geh um sechs.

SKIP: Viele Ihrer Kollegen klagen über die Filmindustrie. Wie schwierig ist es für Sie eigentlich geworden, Ihre Filme zu finanzieren?

Aki Kaurismäki: Es war immer leicht. Ich war blutige 20 Jahre alt, als ich anfing. Ich wollte einen Film machen, also hab ich einen Film gemacht. Wie Fassbinder schon sagte: Wenn du keinen Film hast und keine Kamera, borg dir die Kamera aus und klau das Filmmaterial. Er hatte recht. Ich hab das Budget immer sehr niedrig angesetzt, weil ich halt nicht mehr hatte. Aber das kann das Filmemachen nicht verhindern. Man kann natürlich auch immer nur rumheulen, dass man zuwenig Geld hat und das sein ganzes Leben lang machen anstatt Filme. Das ist dann aber nichts anderes als Faulheit oder Dummheit.

SKIP: Haben sich Ihre Arbeitstechniken im Lauf der Zeit verändert?

Aki Kaurismäki: Nein. Ich verwende immer das Gleiche. 35mm-Film.

SKIP: Warum probieren Sie nichts Neues aus?

Aki Kaurismäki: Ich habe schon eine Kamera, ich brauche keine neue.

SKIP: Gab es eine Zeit in Ihrem Leben, wo sie weniger pessimistisch waren, vielleicht als Teenager?

Aki Kaurismäki: Nein, da war ich viel pessimistischer. Jetzt bin ich erwachsen genug, um optimstisch zu sein.

SKIP: Aber Sie sagten doch vorher, Sie seien es nicht?

Aki Kaurismäki: Naja, ich tu halt so. In Wahrheit liebe ich das Leben. Ich liebe den Rock’n’Roll. Und Gene Vincent, der ist der Größte.

Interview: Kurt Zechner / Mai 2011

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