Melancholie unter Palmen

Interview mit Kirsten Dunst zu Melancholia

Mit Lars von Trier zu arbeiten, erzählt Kirsten Dunst, war schon etwas ganz Besonderes. Und beileibe nicht nur, weil ihr die Rolle in Melancholia in Cannes den Preis als Beste Darstellerin eingebracht hat. Von der spannendsten Herausforderung ihrer Karriere erzählt die 29-jährige Schauspielerin im SKIP-Exklusiv-Talk am Strand.

It’s the end of the world as we know it - aber kaum jemals hat der Weltuntergang so schön ausgesehen: Die Palme für die beste Schauspielerin ging heuer an Kirsten Dunst für ihre Performance in Melancholia als depressive Braut am Vorabend des Weltuntergangs.

SKIP: Wenn Sie wüssten, dass morgen die Welt untergeht, was würden Sie tun?

Kirsten Dunst: Auf die Frage hab ich gewartet (lacht)! Ich weiß es nicht. Ich würde wohl auszucken. Und dann vielleicht ins Meer gehen, damit die Hitze nicht so arg ist.

SKIP: Glauben Sie, dass das Ende der Welt bevorsteht?

Kirsten Dunst: Sicher nicht morgen. Wir gehen zwar sehr unverantwortlich um mit der Erde, aber ich glaube nicht an Weltuntergangstheorien. Die Sonne stirbt, das ist ein Faktum, aber das wird sie noch einige tausend Jahre lang machen, ohne dass wir viel davon merken.

SKIP: Mit all dem Getöse um Melancholia und Lars, haben Sie sich da eigentlich nie gedacht: "Oh mein Gott, wo bin ich da reingeraten?“

Kirsten Dunst: Ich war auf einiges gefasst. Wenn man mit Lars von Trier arbeitet, arbeitet man eben mit Lars von Trier (lacht), wissen Sie, was ich meine? Aber es war sehr unangebracht, was er da gesagt hat. Ich weiß, wie er es wirklich gemeint hat, aber über diese Thematik darf man nicht solche blöden Witze machen. Ich wünschte, jemand von uns am Podium hätte ihn zum Schweigen gebracht, aber ich war doch etwas schockiert ...!

SKIP: Haben Sie ihm am Set auch nie gesagt, er soll den Mund halten?

Kirsten Dunst: Oh doch, mehrmals (lacht). Aber hier, vor einem Riesenhaufen Journalisten, war das eine ganz andere Sache. Glücklicherweise sah das Festival sein Werk getrennt von seiner Person und ließ den Film im Wettbewerb.

SKIP: Auf was war Lars denn da drauf? Drogen? Medikamente?

Kirsten Dunst: Dummheit! (lacht)

SKIP: Und war die Arbeit mit ihm auch so irre?

Kirsten Dunst: Nicht wirklich, wenn er nicht in der Öffentlichkeit steht, ist Lars viel entspannter. Er schafft es, am Set eine sehr geborgene und zugleich freie Atmosphäre zu kreieren, ich hätte mir kein offeneres, ehrlicheres Arbeitsverhältnis vorstellen können.

SKIP: Sie haben einmal gesagt, dass die Arbeit mit männlichen Regisseuren schwieriger ist, weil die immer versuchen, ihre eigene Freundin zu porträtieren ...

Kirsten Dunst: Das stimmt auch (lacht). Mir würde es als Regisseur wohl genauso gehen. Klar engagiert man eher jemanden, den man attraktiv findet, und mit dem die Chemie stimmt.

SKIP: Lars hingegen hat in Ihrer Filmfigur eher seine eigene Person hineinprojiziert …

Kirsten Dunst: Stimmt. Und alle seine Filme haben eine weibliche Hauptfigur. Ich glaube, er ist der einzige Auteur, der das so hält. Es ist sehr ungewöhnlich.

SKIP: Dabei wird ihm ständig vorgeworfen, er sei frauenfeindlich.

Kirsten Dunst: Ich weiß, und ich finde das total verrückt. Als Schauspielerin habe ich mich in wenigen Filmen so gleichberechtigt gefühlt. Die Arbeit mit ihm hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben und mich als Darstellerin wirklich weitergebracht. Ganz wenige Regisseure geben Frauen so viel Raum wie Lars. Für mich ist er eigentlich mehr Feminist als was anderes (lacht).

SKIP: Lars sagte, dass es für ihn sehr hilfreich war, sich mit Ihnen über das Thema Depressionen unterhalten zu können, weil Sie selber depressive Phasen durchgemacht haben. Wie ging es Ihnen damit?

Kirsten Dunst: Er war sehr verwundbar, das hat mich richtig erschreckt. Ich traf ihn das erste Mal in seinem kleinen Häuschen in den Zentropa-Studios, und er erzählte mir total private Sachen, über seine Familie, seine Krankheit ... sehr private Dinge. Also wusste ich von Anfang an, dass ich mich ebenso öffnen könnte. Wir haben uns viel darüber unterhalten, wie sich Depression auswirken kann.

SKIP: Muss man ein gewisses Alter erreicht haben, um so eine Rolle spielen zu können?

Kirsten Dunst: Möglich - wenn man mich vor fünf Jahren gefragt hätte, dann hätte ich mich sicher mehr davor gefürchtet (lacht).

SKIP: Das letzte Mal waren Sie vor fünf Jahren für Sofia Coppolas Marie Antoinette hier in Cannes. Sie wirken sehr viel relaxter diesmal …

Kirsten Dunst: Es wird mir immer mehr egal, was andere von mir denken, oder ob jemand Buh ruft. Ich hab damals als die Hauptdarstellerin eines Filmes in Cannes alle Reaktionen darauf persönlich genommen. Jetzt bin ich älter, ich war mutig genug, in einem Lars-von-Trier-Film mitzuspielen, jetzt habe vor nicht mehr viel Angst (lacht)!

SKIP: Wie haben Sie sich von dem anstrengenden Dreh erholt?

Kirsten Dunst: Gleich danach haben mein Papa und ich eine Deutschland-Tour gemacht. Wir haben Schloss Neuschwanstein besichtigt, wo Wagner viel von seiner Musik geschrieben hat - und von ihm stammt ja auch die Filmmusik. Das war ein netter Abschluss.

SKIP: Nach diesem Film drehen Sie mit dem brasilianischen Regisseur Walter Salles On The Road. Ist es wichtig für Sie, hin und wieder aus Hollywood rauszukommen?

Kirsten Dunst: Ob ich in Hollywood drehe oder nicht, ist für mich kein Kriterium. Ich achte darauf, dass ich Rollen gerne spiele - denn nur dann ist man gut. Wenn man beginnt, zu denken: "Dieser Part wäre gut für meine Karriere“ - dann ist er das garantiert nicht. Der Grund, warum ich schauspiele, ist nicht, weil ich den Hollywood-Standards gefallen will, sondern weil ich den Job einfach liebe.

SKIP: Mit wem würden Sie gerne noch arbeiten?

Kirsten Dunst: Mit Tarantino, er ist einer meiner Lieblingsregisseure. Und natürlich mit Haneke.

SKIP: Wie sehen Sie jetzt auf das Spider-Man-Abenteuer zurück, würden Sie sowas wieder machen?

Kirsten Dunst: Ich würde jederzeit wieder einen Blockbuster drehen, aber wohl kein Superhelden-Movie mehr. Been there, done that (lacht).

Interview: Kurt Zechner / Mai 2011

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