Einsame Spitze

Interview mit Paolo Giordano zu Die Einsamkeit der Primzahlen

Er ist promovierter Physiker, mag keine Kameras, und hatte zwei Jahre lang eine Schreibblockade. Trotzdem ist Paolo Giordano (29) kein verkorkster Jungautor, sondern Italiens Schriftstellerstar. Ein SKIP-Gespräch über den Wundererfolg seines Romanerstlings Die Einsamkeit der Primzahlen und über die Arbeit an der Verfilmung.

SKIP: Ihr Roman war 2008 das meistverkaufte Buch Italiens und wurde weltweit übersetzt. Wie lang dauerte es, bis von einer Verfilmung gesprochen wurde?

Paolo Giordano: Die ersten Anfragen kamen schon zwei Monate nach Erscheinen des Buchs, damals war der Erfolg noch gar nicht abzusehen. Es gab sehr viele Angebote von Produzenten, und die Entscheidung fiel mir schwer, aber eines legte ich gleich fest: Ich wollte am Drehbuch mitarbeiten. Ich empfand das als gute Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren - ich hab das weniger für das Buch gemacht als für mich selbst, aus Neugierde.

SKIP: Warum befassen Sie sich so sehr mit der Einsamkeit?

Paolo Giordano: Einsamkeit ist etwas Essentielles, wenn man schreiben will. Aber der Grund dafür, dass die Einsamkeit so zentral ist im Buch, ist wohl weil ich mir darüber klar werden wollte, unter welcher Art von Einsamkeit ich litt während meines Heranwachsens. Vielleicht wollte ich herausfinden, warum ich so viele gute Sachen ausgelassen habe, die einem in diesem Alter passieren können - und warum ich stattdessen fast immer alleine war.

SKIP: Schreiben Sie schon an einem zweiten Roman?

Paolo Giordano: Ich arbeite hart daran, ja. Ich habe eigentlich schon vor ziemlich langer Zeit damit angefangen, ich hatte schon eine komplette Story im Kopf, zwei Jahre lang. Dann habe ich vor ein paar Monaten mit dem Schreiben begonnen, und hart daran gearbeitet, aber schlußendlich hab ich alles weggeworfen. Es war zu konstruiert, ich hatte einfach zu lange daran herumgewerkelt und zu viel darüber nachgedacht. Also hab ich mit etwas komplett Neuem begonnen, und versuche, Spaß daran zu finden, aber das ist noch sehr in seinen Anfängen. Ich will nicht wieder alles wegwerfen, das ist einfach zu schmerzhaft.

SKIP: Können Sie festmachen, woher Sie Ihre Ideen beziehen?

Paolo Giordano: Ich habe nicht darüber nachgedacht beim Schreiben. Erst jetzt bei der Arbeit am Drehbuch war ich gezwungen, das Buch mit Saverio (Costanzo, Regisseur und Co-Autor) zu analysieren, und das war für mich sehr hilfreich, denn ich weiß jetzt, was mein Potential für das nächste Buch ist. Umgekehrt ist dieses Bewusstsein auch sehr gefährlich beim Schreiben, weil es einen davon abhält, spontan Grenzen zu überschreiten und weiterzumachen.

SKIP: Was haben Sie erfahren beim Analysieren mit Saverio?

Paolo Giordano: Mir wurde klar, dass alles in der Geschichte aus meinen eigenen Ängsten stammt. Das war mir vorher in dieser Deutlichkeit nicht bewusst: Die Geschichte ist wie eine Ansammlung der geheimsten Ängste meiner Kindheit, die waren der Ausgangspunkt, und offenbar ist es das, was meine Phantasie entzündet. Ich darf also nie zur Psychotherapie gehen - denn wenn ich frei von meinen Ängsten bin, habe ich nichts mehr zum Schreiben!

Interview: Magdalena Miedl / September 2010

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