Der Reifenprofi

Interview mit John Lasseter zu Cars 2

Pixar-Mastermind John Lasseter ist ein eingefleischter Autofreak - und weil auch SKIP-Redakteurin Gini Brenner viel für schöne Schüsseln übrig hat, wurde das Expertengespräch über Cars 2 in München gleich mal doppelt so lang wie geplant.

SKIP: Woher kam eigentlich die Idee, das zweite Cars-Kinoabenteuer als Agentenfilm zu drehen?

John Lasseter: Ursprünglich entstand diese Idee mit dem Spy-Thriller schon während des ersten Teiles. Wir hatten vorgehabt, Lightning mit seiner Freundin Sally zum ersten Date in ein Autokino zu schicken, wo eben ein Film mit dem Superspion Finn McMissile läuft. Wir haben die Szene dann doch nicht verwendet, ich war sehr traurig darüber und hab sie nie vergessen. Eins der Dinge, die den besonderen Charme des Cars-Universums ausmachen, ist ja, dass es keine Menschen gibt, und so die Persönlichkeiten von Autos und Fahrern quasi verschmelzen. Finn McMissile ist der Geheimagent und gleichzeitig auch das Geheimagenten-Auto, mit jeder Menge Gadgets, wie man sie bei Agentenfilmen so liebt.

SKIP: Der Kleinwagen Zündapp Janus war ein sagenhaft reparaturanfälliges Auto, das von den legendären Nürnberger Zündapp-Werken nur ein einziges Jahr lang produziert wurde. Wie sind Sie ausgerechnet auf dieses Auto als schurkischer Professor Z. gekommen?

John Lasseter: Als wir die Idee des Agentenfilms aufgriffen, war unsere erste Frage: Wer sind die Bösen? Denn für mich steht und fällt ein Agentenfilm mit den Bösewichten. Und so kam uns die Idee der Autos, die technisch einfach schlecht gemacht sind, und die deshalb vom Rest der Welt verachtet werden. Als wir Cars gemacht haben, haben wir uns mit einer Menge von Autosammlern und Automagazin-Redakteuren angefreundet - die haben wir nun alle um ihre Top-10-Liste der schlechtesten Autos der Welt gebeten. Auf irgendeiner ist dann der Janus aufgetaucht. Es gibt ja eine ganze Klasse von Autos, die Kleinstwagen - in Autosammler-Kreisen nennt man die Bubble Cars. Gerade in Deutschland wurde in den 50ern und 60ern eine Menge von denen produziert, viele davon waren ziemlich cool, wie etwa der BMW Isetta, bei dem man zum Einsteigen die gesamte Vorderseite öffnet. Toll ist auch der 965er Messerschmidt, meine Kinder leben es, mit dem herumzufahren. Den Zündapp Janus aber kannte ich noch nicht, ich war aber sofort begeistert von diesem seltsamen Auto, das seinen Namen deswegen bekam, weil die Passagiere auf der Rückbank entgegen der Fahrtrichtung sitzen (lacht).

SKIP: Wie war das mit den Markenrechten?

John Lasseter: Oh, ganz mühsam. Das Problem mit unseren Bösewichten war ja, dass alle diese Autos nicht mehr hergestellt werden, viele der Autofirmen existieren nicht mehr, viele der Designer sind bereits verstorben. Aber die Disney-Anwaltsbrigade hat uns gezwungen, für jedes einzelne Auto, das im Film vorkommt, rechtlich abzusichern, dass wir sie auch wirklich verwenden dürfen. Und so ergab es sich, dass wir den Namen "Zündapp" zwar im Film verwenden durften, bei den Spielsachen und dem Merchandise aber nicht - also mussten wir im Film unterbringen, dass Professor Zündapp von seinen Gefährten den Spitznamen "Professor Z" bekommt. Das ist auch der der Name, der auf den Spielsachen steht, dort darf das Wort Zündapp auf keinen Fall vorkommen. Dieses Markendings kann manchmal sehr, sehr lästig werden.

SKIP: Sie feiern heuer das 25. Jubiläum von Pixar. Wie fühlt sich das an?

John Lasseter: Naja, was soll ich sagen - wir hätten fast drauf vergessen (lacht). Wir sind immer so fokussiert auf unsere neuen Projekte, dass kaum jemand Zeit findet, zurückzuschauen. Bis dann vor ein paar Monaten mal irgendjemand auf den Kalender schaute, seinen Taschenrechner rausholte und dann in die Runde fragte: "Sagt mal, ist euch eigentlich klar, dass in 2011 unser 25. Jubiläum ist?" Es war bis dahin niemandem aufgefallen. Dann überlegten wir, an welchem Tag genau der Jahrestag wäre, und jeder sagte was anderes. Also kramten wir die alten Verträge heraus und kamen drauf, dass wir den Jahrestag, den 3. Februar, an dem Pixar ganz offiziell entstand, schon um 2 Wochen versäumt hatten (lacht).

SKIP: Apropos nach vorne blicken - alle Pixar-Filme wurden in 3D gedreht, auch als noch gar nicht absehbar war, wann sich diese Technologie in den Kinos durchsetzen würde.

John Lasseter: Wir sind ein Studio der Pioniere, wir erfinden ständig neue Animationstechniken und entwickeln sie weiter. Aber dabei ist uns wichtig, dass wir immer der Geschichte verpflichtet bleiben. Gerade auf dem Gebiet der Computeranimation kann man sich so leicht von der Technik verführen lassen. Aber für uns ist es nie die Technologie alleine, die ein Publikum unterhält. Niemals. Ich sehe Technik als Werkzeug, nie mehr. Bei Ihnen ist es ja ganz ähnlich: Statt Ihre Texte mit der Hand oder der Schreibmaschine zu schreiben, benützen die neueste Technologie - Laptops, Textverarbeitungsprogramme, das Internet -, weil ihnen das viel bessere Arbeitsbedingungen gibt. Sie können Texte editieren, an eine E-Mail anhängen, mit einem Klick an die Redaktion schicken ... aber all diese Technologie schreibt nicht ihre Geschichten. Das ist genau wie bei uns.

SKIP: Deshalb sieht man in den Pixar-Filmen auch nie die typischen 3D-Effekte, wie z. B. irgendwelche Dinge, die einem scheinbar um die Nase fliegen ...

John Lasseter: Genau. Man sieht so oft, dass 3D wie ein Gimmick verwendet wird, aber ich finde, das ist etwas für einen Kirtag, nicht fürs Kino. Das ist doch wie in einer Geisterbahn. BUUUHH, jetzt kommt das 3D! Wir bauen eine Menge lustiger Sachen in unsere Filme ein, die in 3D cool aussehen. Aber ich will nicht, dass im Publikum irgendwer drüber nachdenkt, dass das gerade jetzt 3D ist. Man muss sich inder Geschichte verlieren können, egal ob in 2D oder 3D, eine tolle Zeit haben und an nichts anderes denken, bis der Film vorbei ist.

Interview: Gini Brenner / Juli 2011

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