Love Hurts

Interview mit Jean-Pierre Améris zu Die anonymen Romantiker

Mit feinsinnigen Filmen wie In schlechter Gesellschaft oder Poids léger drehte sich Jean-Pierre Améris in die Herzen des frankophilen Publikums. In der Liebeskomödie Die anonymen Romantiker verarbeitete er nun sein eigenes intimes Trauma - und ganz viel Schokolade! SKIP traf den sensible Hünen zum Exklusiv-Interview.

SKIP: Die Idee einer Selbsthilfegruppe, die wie die Anonymen Alkoholiker funktioniert, aber sich mit den Problemen eines übermächtigen Gefühlslebens beschäftigt, ist sehr einnehmend – wie ist Ihnen das eingefallen?

Jean-Pierre Améris: Das hab ich nicht erfunden, solche Gruppen gibts wirklich! In Frankreich zumindest. Das erste Mal bin ich um das Jahr 2000 auf die Anonymen Romantiker aufmerksam geworden, als ich einen Zeitungsartikel darüber las. Ich habe mich dann auch ein paarmal mit Leuten von dort getroffen.

SKIP: Und da dachten Sie gleich: "Das würde ein gutes Filmthema ausmachen?"

Jean-Pierre Améris: Nun ja, ehrlich gesagt interessierte mich das erst mal aus ganz persönlichen Gründen: Ich bin selber ein extrem gefühlsbetonter Mensch und konnte lang mit meiner Schüchternheit nicht umgehen. Der Umgang mit anderen hat mir Angst gemacht. Mittlerweile weiß ich, dass ich damit keineswegs alleine bin, ganz im Gegenteil: Man glaubt ja gar nicht, wie viele von diesen cool gekleideten Erfolgstypen sich bei einer Sitzung im Büro eher die Hand abbeißen würden, als das Wort zu ergreifen. Oder wieviele total attraktive Frauen schon bei dem Gedanken, einen fremden Mann anzulächeln, Schweißausbrüche bekommen.

SKIP: Und dann haben Sie sich als Künstler und Filmemacher just einen Beruf ausgesucht, der zwangsweise die Aufmerksamkeit auf Sie richtet ...

Jean-Pierre Améris: Komisch, ich habe das nie so gesehen. Ganz im Gegenteil, für mich war das Kino schon immer einer der wenigen Orte auf der Welt, die mir Sicherheit gaben. Wenn die Lichter im Saal ausgingen, dann fing ich erst an, zu leben (lacht). Wenn man wie ich ein sehr emotionaler Mensch ist, dann lebt man in einer ganz eigenen, sehr komplexen Gefühlswelt. Als Filmemacher kann ich diese Welt real machen - es ist eine Welt, in der man sich sicher fühlen kann. Und im kreativen Prozess habe ich immer Kraft gefunden. Einen Film zu machen, auch wenn das wirklich jedesmal ein Riesenprojekt ist, hat mir noch nie Angst gemacht. Das Leben schon - ein Film nie (lacht).

SKIP: In Die anonymen Romantiker bekommen wir einen wunderschönen Einblick in den Alltag einer Schokolademanufaktur ...

Jean-Pierre Améris: Ja, ich habe mir lang überlegt, vor welchem Hintergrund die Geschichte ablaufen sollte. Und dann bin ich auf Schokolade gekommen, weil sie, wie ich finde, wunderbar zum Thema passt. Schokolade ist ja auch ein bisschen wie die Liebe: köstlich, ein wenig bitter, und es stecken Stoffe drin, die einem zu Kopf steigen und einen glücklich machen.

Interview: Gini Brenner / April 2011

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