Reife Leistung

Interview mit Helen Mirren zu Eine offene Rechnung

Sexy, clever, talentiert: Mit 66 Jahren ist die wunderbare Helen Mirren besser im Geschäft als je zuvor. Das Geheimnis ihrer ewigen Jugend kann sie zwar im SKIP-Interview auch nicht lüften, dafür nimmt die coole Britin sich sonst kein Blatt vor den Mund.

SKIP: Sie sind sehr überzeugend als Mossad-Agentin. Wie intensiv haben sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Helen Mirren: Gar nicht mal so sehr. Jessica Chastain, die mich als junge Frau spielt, allerdings schon - und weil sie dieselbe Figur spielt, glauben wahrscheinlich alle, ich hätte mich genauso reingehängt (lacht). Jessica musste das komplette Kampftraining absolvieren, ich hab mich derweil in Bibliotheken herumgetrieben und mich vor allem mit dem emotionalen Aspekt der Figur auseinandergesetzt, habe versucht, zu verstehen, was ein Verbrechen wie der Holocaust mit einer Seele anstellen kann.

SKIP: In Eine offene Rechnung geht es um Gerechtigkeit und Rache, es werden viele moralische Fragen aufgeworfen. Welche Antworten haben Sie für sich gefunden?

Helen Mirren: Vor allem die eine: Man darf nie vergessen. Um Gerechtigkeit, wenn es sie überhaupt gibt, zu erlangen, muss man die Vergangenheit aufarbeiten. Als die Israelis damals versucht haben, möglichst viele der Nazi-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu bringen, war das ein enorm wichtiger Prozess. Genauso, wie Nelson Mandela nach dem Ende der Apartheit mit der Wahrheits- und Versöhnungskommission ermöglicht hat, dass die Opfer die Täter konfrontieren und verantwortlich machen konnten - und ihnen auch öffentlich verzeihen konnten, wenn sie dazu bereit waren. Was aber absolut nicht geschehen darf, ist, dass solche Verbrechen einfach stillschweigend unter den Teppich der Geschichte gekehrt werden. Denn dort beginnen sie, wie infizierte Wunden zu eitern. Klar, das Leben geht weiter und man sollte nach vorne sehen - aber das Vergessen birgt große Gefahren.

SKIP: Ihre Filmfigur sucht Gerechtigkeit - und wird dabei selbst zur Verbrecherin. Eine schwierige Gratwanderung.

Helen Mirren: Ja, das stimmt. Wenn man den Film sieht, kann man gut verstehen, warum sie so handelt, warum sie selbst ihre eigene Überzeugung verrät. Das ist es, was mich an dieser Geschichte auch so fasziniert: Hinter der Spannung entwickelt sich ein sehr ernstes Thema, über das man sehr viel nachdenken kann. Nein, muss.

SKIP: Während sich viele Kollegen darüber beklagen, dass die guten Rollen immer weniger werden, je älter sie werden, drehen Sie einen Film nach dem anderen und sind in den letzten Jahren zum veritablen Superstar geworden. Wie erklären Sie sich das?

Helen Mirren: Nun, in meinem Beruf hat das wohl viel mit Ausdauer zu tun. Wenn man es durch mal durch die 40er und 50er geschafft hat, dann ist man über den Berg. Viele Schauspieler hören in dieser Zeit auf, weil es da wirklich nicht genug Arbeit für alle gibt. Einer der Gründe, warum ich aktiv geblieben bin, ist wohl auch, dass ich mein ganzes Leben lang Theater gespielt habe. Das hält einen beweglich als Schauspieler, und es erlaubt dem Publikum, einen immer wieder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Viele FilmschauspielerInnen, die großen Erfolg haben, bekommen ein gewisses Image verpasst - und wenn die dann zu alt werden, diesem Image zu entsprechen, dann ist die Karriere schnell vorbei. Außerdem spiele ich gern Theater. Es macht großen Spaß.

SKIP: Sie arbeiten sehr viel in Hollywood, sind aber nach wie vor in London daheim, oder?

Helen Mirren: Ja, klar. Ich bin und bleibe Britin.

SKIP: Sie haben aber auch ein Haus in Italien?

Helen Mirren: Ja, in ganz im Süden, in Salento in Apulien. Es ist sehr klein, sehr einfach und sehr unglamourös. Aber jedesmal wenn ich hinkomme, dann fühle ich mich, als wenn ich in einen Antonioni-Film hineinsteigen würde. Wundervoll.

SKIP: Sie haben vor drei Jahren Ihre Autobiographie In The Frame veröffentlicht, werden Sie die erweitern?

Helen Mirren: Ich denke schon, ja! Vielleicht mit weniger Bildern und mehr Text.

SKIP: In einem Interview haben Sie mal scherzhaft gemeint, Sie würden gern ein Buch über Ihr Sexleben schreiben, wie wäre es damit?

Helen Mirren: Haha, ich würde das echt gerne machen (lacht). Aber erst mit 90, kurz bevor ich sterbe, damit das dann erst posthum erscheint (lacht schmutzig).

SKIP: Wäre das ein dickes Buch?

Helen Mirren: Nein, eher dünn. Aber sehr ... dicht. Wie sagt man so schön? In den kleinsten Päckchen sind die schönsten Geschenke!! (lacht seeeehr schmutzig).

SKIP: Sie sind ja jetzt, mit 66 Jahren, nach wie vor ein veritables Sexsymbol, und das auch unter sehr jungen Männern und Frauen. Wie erklären Sie sich das?

Helen Mirren: Ich weiß es nicht. Es ist mir unerklärbar. Ich kann das auch überhaupt nicht nachvollziehen. Auch wenn ich natürlich sehr geschmeichelt bin, wenn das jemand sagt!

Interview: Gini Brenner / Mai 2011

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