Fee ohne Vergangenheit

Interview mit Cécile De France zu Der Junge mit dem Fahrrad

Zuletzt war Cécile de France inClint Eastwoods Hereafter zu sehen, nun stand sie wieder daheim vor der Kamera, als eines der ersten bekannten Gesichter, mit dem die Dardennes je gearbeitet haben.

SKIP: Üblicherweise arbeiten Jean-Pierre und Luc Dardenne nicht mit Stars zusammen. Wie sind Sie zu der Rolle gekommen?

Cécile de France: Auf ganz normalem Wege, sie haben meine Agentin kontaktiert. Normalerweise drehen die Dardennes ja mit Laiendarstellern oder mit Schauspielern, die nur durch ihre Filme bekannt wurden, insofern war das Angebot eine große Überraschung. Ich las das Drehbuch sofort in einem Zug durch und rief die beiden selbst an, um ihnen zu sagen, dass ich mich sehr geehrt fühlte. Beim Lesen war mir natürlich gleich klar, dass ich nicht die Hauptfigur dieser Geschichte spielen würde, sondern jemanden, der einfach auch da ist, dem die Kamera ganz organisch folgt.

SKIP: Die Brüder Dardenne sprechen über Ihre Figur als "gute Fee". War Ihnen das bewusst, und wie hat das Ihre Darstellung beeinflusst?

Cécile de France: Natürlich wusste ich das. Das war der Schlüssel, der mir geholfen hat, ihr Verhalten zu verstehen, und nicht das Bedürfnis zu haben, ihre Motivation zu erklären. In einem Märchen weiß man nichts von der Vergangenheit, den Eltern, der glücklichen oder unglücklichen Kindheit einer Fee. Die Dardennes haben mich gebeten, keine dreidimensionale Figur zu erarbeiten. Sie sagten mir: "Wir brauchen dein Gesicht, deine Stimme, deinen Körper, dieses bestimmte Mitgefühl, das du mitbringst. Sei wie du im wirklichen Leben bist, versuch nicht, den Charakter dieser Frau zu konstruieren." Das war sehr schwierig, denn das mag ich an meiner Arbeit am liebsten: das Erarbeiten einer Figur. Aber ich habe das als Herausforderung aufgefasst - und ich wollte natürlich dem Vertrauen gerecht werden, das die Dardennes in mich setzten.

SKIP: Wie war es, mit dem jungen, komplett unerfahrenen Thomas Doret zu spielen?

Cécile de France: Nun, die Dardennes haben nicht nur mich, sondern auch Thomas für das ausgesucht, was er ist: Er ist sehr mysteriös und undurchsichtig, und man muss tief in seine Augen schauen, um zu verstehen was er fühlt. Im Kino der Dardenne-Brüder hat der Zuschauer eine sehr aktive Rolle, er muss sich bemühen, die wahre Motivation aller Figuren zu begreifen. Thomas hat diese ganz besondere Kraft. Schauspielneuling zu sein, hat ihm bei der Arbeit mit den Dardennes sehr geholfen, während ich all meine Gewohnheiten hinter mir lassen und meine Erfahrung vergessen musste.

Interview: Magdalena Miedl / Mai 2011

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