Whodunit?

Interview mit Roland Emmerich zu Anonymus

Hollywood-Germane Roland Emmerich hat ein Faible fürs Kaputtmachen: Vor kurzem ließ er die Welt untergehen (2012), jetzt kratzt er am Lack von Literatur-Superstar William Shakespeare. SKIP fragte, was das alles soll.

SKIP: Sie tragen dieses Projekt schon seit neun Jahren mit sich herum. Warum hat es so lange gedauert?

Roland Emmerich: Wenn man seinen Job als Regisseur ernst nimmt und ein großartiges Drehbuch findet, nimmt man es trotzdem zuerst einmal auseinander. Denn John Orloffs Skript war zwar von Beginn an toll, aber es war zu ähnlich dem von Amadeus, es handelte vor allem von Genie und Eifersucht, und ich wollte einen anderen Schwerpunkt. Wir haben dann zwei oder drei Jahre am Skript gearbeitet, ich glaube, wir hatten ungefähr 20 Versionen, bis ich endlich zufrieden war (lacht).

SKIP: Sie scheinen ein Faible für Theorien zu haben, die die Welt ins Wanken bringen - in 2012 war es der Weltuntergang, hier ist es immerhin das literarische Monument Shakespeare, das Sie kippen.

Roland Emmerich: Nun, ich verfilme alternative Versionen der Wahrheit. Ich bin der Meinung, dass wir viel zu viel einfach glauben. Je mehr Informationen lärmend über uns hereinbrechen, desto weniger sollte man auch glauben. Wenn ein Politskandal ausbricht, sind zuerst alle total schockiert, aber das ist doch immer nur die Spitze des Eisbergs, und sobald die Aufregung abgeklungen ist, machen alle weiter wie bisher. Für diesen Film müssen wir verstehen, dass England im Elisabethanischen Zeitalter ein totalitärer Staat war, keine Demokratie, es gab also keine freie Presse. Was wissen wir wirklich über diese Zeit? Ist Ihnen klar, wie wenig Ahnung wir haben, was damals wirklich passierte?

SKIP: Rund um die Autorenschaft der Shakespeare zugeschriebenen Werke gibt es die unterschiedlichsten Theorien. Sind Sie überzeugt, dass der Earl of Oxford der wahre Autor ist?

Roland Emmerich: Sie haben recht, es gibt viele Theorien. Aber ich bin von einem überzeugt: Dass es nicht der Mann aus Stratford war, Will Shakespeare, wie wir ihn gern nennen. Wenn beide Parteien, die Oxfordianer und die Stratfordianer, vor ein normales amerikanisches Gericht gehen würden, würde Oxford garantiert gewinnen. Bei weitem! Es gibt einfach so viele Details, die vielleicht nicht unbedingt bezeugen, dass es Oxford war, aber die auf jeden Fall widerlegen, dass es der Mann aus Stratford gewesen sein kann. Alles, was wir von Shakespeare ohne Zweifel wissen ist lediglich, dass er ein Geschäftsmann war. Dafür gibt es unwiderlegbare Beweise. Aber haben Sie jemals einen Geschäftsmann gesehen, der so virtuos Stücke schreibt? Das kann nicht funktionieren. Ich glaube sogar, dass er gar nicht schreiben konnte.

SKIP: Anonymus handelt unter anderem davon, was es bedeutet, ein Künstler und kreativer Mensch zu sein. "Alle Kunst ist politisch, andernfalls ist sie nur dekorativ", heißt es da einmal. Ist das Ihre persönliche Ansicht?

Roland Emmerich: Ja, ich gebe zu, das habe ich in das Skript hineingebracht. Ich bin absolut der Überzeugung, dass alles politisch ist. Auch wenn man eskapistische Filme dreht, wie ich es tue. Und Anonymus ist das perfekte Beispiel dafür, wie hochpolitisch Theater damals für die Menschen war.

Interview: Magdalena Miedl / Juli 2011

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