Inside Marilyn

Interview mit Michelle Williams zu My Week With Marilyn

Als Teenager spielte sie die blonde Schlampe in der Hochglanz-TV-Serie Dawson's Creek. Wim Wenders schrieb für sie den Film Land of Plenty, in Brokeback Mountain rührte sie an der Seite von Heath Ledger zu Tränen. Jetzt gibt die fantastische Michelle Williams die berühmteste Blondine der Filmgeschichte: Ihre Rolle als Monroe in My Week With Marilyn brachte ihr sogar eine Oscar-Nominierung - und ihr selbst ist das alles immer noch nicht ganz geheuer.

SKIP: Du hast damals, als bekannt wurde, dass du Marilyn spielen würdest, ganz schön verschreckt gewirkt. War das denn so ein Schock für dich?

Michelle Williams: Zuerst nicht. Das Drehbuch hab als FedEx-Paket bekommen, darin war es versteckt zwischen anderen Büchern. Ich habs mit ins Bett genommen, in einem Rutsch durchgelesen und habe gewusst: Diese Rolle will ich spielen. Ich wusste natürlich nicht, ob ich gut genug dafür bin, aber ich war mir sicher, ich wollte es. Die Zweifel sind erst am nächsten Tag gekommen (lacht). Und die haben es sich in meinem Kopf dann ziemlich lange bequem gemacht.

SKIP: Du warst für einige Wochen lang Marilyn. War es schwer, sie danach wieder hinter sich zu lassen?

Michelle Williams: Nun, in manchen Momenten war es wirklich schwer. Aber mein Weg zur Arbeit hat 45 Minuten gedauert. Und diese 45 Minuten waren wie mein Raumschiff, meine Zeitmaschine: Ich habe diese Zeit jeden Morgen genutzt, um in die Rolle zu kommen und sie abends wieder abzuschütteln. Denn wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, habe ich ja Pflichten, und wenn ich mit Freunden Zeit verbringe, würden die das wohl auch nicht mögen, wenn ich mit einer ganz hohen, hauchigen Stimme sprechen und rumwackeln würde wie Marylin (kichert). Und meine Tochter braucht das erst recht nicht! Aber wenn ich abends die Tür hinter mir schließe und mich fürs Bett fertig mache, kann ich herumprobieren wie ich will. Da konnte ich Marilyn dann rauslassen und mit ihr spielen (lacht).

SKIP: Was hast du Neues über sie erfahren?

Michelle Williams: Oh, so viel! Über ihren speziellen Sinn für Humor, ihren differenzierten Witz, ihre Verspieltheit. Das alles deutet in meinen Augen auf einen sehr scharfen Verstand hin, eine sehr aktive Intelligenz. Ich war immer beeindruckt, wie sehr das in jeder Formulierung ihrer persönlichen Korrespondenz durchblitzt. Ich selbst klinge meistens nur müde und langweilig, wenn ich jemandem schreibe. Aber sie nutzte ihre Briefe als Ventil für ihren Witz, für ihren Humor und ihre Lebendigkeit.

SKIP: Was bedeutete ihr Aufmerksamkeit deiner Meinung nach? Auf der einen Seite schien sie ohne Aufmerksamkeit ja nicht zu funktionieren, auf der anderen Seite war es ein Goldener Käfig für sie.

Michelle Williams: Ja, ist das nicht interessant? Der Teufel steckt immer in diesen Gegensätzen! Sie brauchte die Aufmerksamkeit, wohl um den Mangel wettzumachen, den sie als Kind erlebt hatte. Das klingt fast zu simpel, aber es ist die Wahrheit: Sie hatte diesen tiefen Verlust erlebt als Kind, hatte keine Mutter, denn ihre Mutter war immer und immer wieder in psychiatrischen Kliniken, und sie hatte keinen Dad. Sie suchte ihr Leben lang ihren Vater, aber sogar als Filmstar, als erwachsene Marilyn Monroe, wollte keiner sie haben. Wo auch immer sie anfragte, stieß sie auf verschlossene Türen. Und als sie 15 war, heiratete sie jemanden, den sie kaum kannte, nur um zu vermeiden, als Waise in staatliche Obhut zu kommen.

SKIP: Und deswegen war sie so süchtig nach Aufmerksamkeit?

Michelle Williams: Ja, das war wie ein Überlebensmechanismus: Wenn man ein Baby lange Zeit nicht anfasst, stirbt es. Und wenn sie nicht diese Aufmerksamkeit bekommen hätte, wäre sie auch zugrunde gegangen. Und sie hat einen Weg gefunden: Als sie fünfzehn oder sechzehn war und zum ersten Mal im Bikini den Strand entlangging, merkte sie, wie die Männer auf sie reagierten, und ihr wurde klar, dass sie da etwas Besonderes hatte. Etwas an diesem Gesicht und diesem Körper hatte einen Effekt, und sie sagte sich: "Hey, vielleicht kann ich auf diese Weise auch etwas von dem kriegen, was ich brauche - dem, was sie 'Liebe' nennen!" Und so hat sie sich selbst als Marilyn Monroe erfunden.

SKIP: Und wie hast du selbst rausgefunden, was du zu bieten hast? Wusstest du schon früh, dass du Schauspielerin werden willst?

Michelle Williams: Ja, ich wollte immer spielen. Obwohl, zuerst wollte ich Boxerin sein, dann Trucker-Fahrerin, und dann erst Schauspielerin. Ich habe wohl etwas Masochistisches in mir (lacht). Aber ich denke, ich bin Marilyn näher in ihrer Unsicherheit als ihrem Bewusstsein, etwas Besonderes zu haben.

Interview: Magdalena Miedl / Februar 2012

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