Roadtrip an die Croisette

Interview mit Kristen Stewart zu On the Road - Unterwegs

Vom Märchenland direkt nach Cannes: In Walter Salles' langerwarteter Verfilmung von Jack Kerouacs Kultroman On the Road - Unterwegs gibt Kristen eine feine Talentprobe, und im SKIP-Interview zeigt sie, dass sie doch weit mehr als zwei Gesichtsausdrücke draufhat.

SKIP: Bald startet der unwiderruflich letzte Teil der Twilight-Saga, abgedreht ist er ja längst - wie genau planst du deine Zukunft? Welche Art von Filmen möchtest du jetzt am liebsten machen?

Kristen Stewart: Ich beschäftige mich mit dieser Frage absurderweise nur in Interviews (lacht). Und nein, ich plane nicht, ich lasse die Dinge einfach auf mich zukommen. Man kann in diesem Job ja auch schwer auf was Bestimmtes hinarbeiten, finde ich. Ich meine, es ist schon eine sehr komische Beschäftigung, so zu tun, als wäre man wer anderer und sich dabei von möglichst vielen Leuten zuschauen zu lassen. Das lässt sich irgendwie schwer vorausplanen - ich suche immer nach irgendwie speziellen Projekten, die mich wirklich ansprechen.

SKIP: Von On the Road - Unterwegs hast du dich auch ansprechen lassen - obwohl dir, wie du mal in einem Interview gesagt hast, manche Leute davon abgeraten haben, weil die Rolle nicht groß genug wäre.

Kristen Stewart: Ich liebe das Buch, seit ich 14 bin, und ich war mir sicher, dass mit Walter Salles der richtige Mann Regie führen wird. Das wusste ich, seit ich mich mit Walter das erste Mal dafür getroffen habe. Man trifft ja hie und da Leute in seinem Leben, wo vom ersten Moment an klar ist, dass man auf der gleichen Wellenlänge ist - und genauso war das mit mir und Walter. Auch wenn ich mir anfangs gar nicht vorstellen konnte, wie ich Marylou, die ich im Film spiele, überhaupt hinkriegen soll - sie ist sehr, sehr anders als ich. Und so musste ich lernen, mich richtig fallen zu lassen in diesen Part. Etwas, was mir verdammt schwer fällt, denn ich hasse es, die Kontrolle zu verlieren. Ich bin ein unfassbarer Kontrollfreak. Ich will immer ganz genau wissen, wer oder was ich gerade bin.

SKIP: Wie hast du dich dann auf die Rolle vorbereitet?

Kristen Stewart: Nun ja - körperlich vor allem durch Atmen, regelmäßiges Atmen (lacht). Aber im Ernst: Ich habe zwar das Buch sehr sehr gut gekannt, aber für den Film habe ich sehr viel Sekundärliteratur gelesen, Marylou basiert ja auf einer realen Figur. Und rauszufinden, wer die wirklich war, war auch sehr spannend.

SKIP: Walter hat uns erzählt, dass er seine Schauspieler für eine Weile in eine Art Beatnik-Bootcamp gesteckt hat, um sie die einzigartige Stimmung damals besser verstehen zu lassen, in der das Buch entstanden ist.

Kristen Stewart: Ja, das war lustig! Wir haben dort gemeinsam I Celebrate Myself gelesen, das wirklich das großartigste Buch über Allen Ginsberg ist. Und dann habe ich gelernt, wild zu tanzen, die richtige Musik zu hören und dabei viel zu viele Zigaretten auf dem Balkon zu rauchen. Solche Sachen. Glücklicherweise haben wir uns alle wirklich fast ineinander verliebt (kichert). So oft wird das bei einem Film behauptet, dass alle quasi "wie eine große Familie" waren und so Quatsch - aber ich glaube, mit uns bei On the Road - Unterwegs kann da diesbezüglich kein Ensemble mithalten. Ich habe jedenfalls so eine tief empfundene Nähe noch nie auf einem Set erlebt.

SKIP: Hattest du schon mal eine gegenteilige Erfahrung? Wie schwierig ist es z.B., eine gute Chemie vorzutäuschen, wenn man sich eigentlich überhaupt nicht leiden kann? Oder wenn man den Regisseur hasst?

Kristen Stewart: Das tut regelrecht weh! Und es ist unendlich enttäuschend. Klar wird man als Profi immer versuchen, den Job trotzdem gut zu erledigen. Aber es macht einfach keinen Spaß, so zu arbeiten. Und man sieht das auch den Filmen an, da muss man nur genau darauf achten. Ich bin wirklich bei jedem Film, den ich drehe, sehr von der jeweiligen Regisseur-Schauspieler-Beziehung abhängig. Und wenn nur eine Kleinigkeit falsch läuft, denke ich mir sofort "Hau ab vom Set!" (lacht)

SKIP: Und mit Walter hat das hingehauen?

Kristen Stewart: Absolut. Ich weiß nicht warum, aber es gibt da irgendwas an ihm, dass dich sofort, wenn du mit ihm sprichst, denken lässt: Wow, du bist mein Boss! Natürlich hat das sicher auch damit zu tun, dass er einfach mehr als jeder andere über all das Bescheid weiss, worüber wir hier reden. Er hat mehr Recherche gemacht zu dem Thema als jeder andere und weiß sogar mehr als die diversen Biographen von Kerouac, Ginsberg & Co.! Aber es ist nicht nur das. Er ist auch so wunderbar obsessiv. Allerdings bis zu einem Punkt, wo man sich echt Sorgen um ihn macht und ihn vor sich selbst schützen muss (lacht).

SKIP: Wie war es für dich, als moderne junge Frau in die Beatnik-Atmosphäre einzutauchen? Es ist ja doch noch eine recht männlich fokussierte Welt …

Kristen Stewart: Das empfinde ich gar nicht so. Im Buch bekommt man natürlich den Eindruck, weil die Frauen da halt eher Randfiguren sind. Aber es repräsentiert doch auch diese ganz spezielle Zeit, in der es den jungen Leuten, Frauen wie Männern, erstmals in weiterem Rahmen möglich wurde, rauszugehen und sich selber zu finden, sich quasi seine eigene "Familie" zu suchen, und nicht zwangsweise in dem Umfeld erwachsen zu werden, in sie hineingeboren wurden. Und dazu gehört auch, Leute zu finden, die einen vorwärtsbringen, von denen man gefordert wird. Für mich war das eine richtige Initialzündung: Ich habe mir gesagt, ich muss auch solche Leute finden, die mich so pushen wie die in Unterwegs. Jeder kennt das: Manche Beziehungen sind sehr bequem und komfortabel. Aber man wird eben auch faul dabei! Ich möchte, dass mich meine Freunde rasend machen und mich in den Hintern treten!

Interview: Kurt Zechner / Mai 2012

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