Love Me Do

Interview mit Ulrich Seidl zu Paradies: Liebe

Als einer von sensationellen zwei österreichischen Wettbewerbsbeiträgen präsentierte Ulrich Seidl heuer den ersten Teil seiner geplanten Trilogie über das Paradies: die gnadenlos berührende Geschichte einer Sextouristin in Kenia.

SKIP: Wie ist das für Sie, hier in Cannes mit Michael Haneke im gleichen Wettbewerb zu sein? Gibt es da so etwas wie Konkurrenz?

Ulrich Seidl: Ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass es zwei Filme aus so einem kleinen Land im Wettbewerb gibt, das fällt auf, da schaut man hin - und so wird auch die Aufmerksamkeit für meinen Film größer. Ich prangere ja immer an, dass die Gattung Film in Österreich an unterster Stelle rangiert. Wenn man daran den internationalen Erfolg der österreichischen Filme misst, dann ist dieser Erfolg immens.

SKIP: Paradies: Liebe ist ja der erste Teil einer Trilogie. Wie hat die Geschichte mit der Liebe begonnen?

Ulrich Seidl: Mit dem Thema Sex-Tourismus. Ich habe mich schon länger mit dem Thema Tourismus beschäftigt, das ist recht wichtig für mich. Und der weibliche Sex-Tourismus ist ja weitestgehend tabuisiert.

SKIP: Es ist noch immer schwer vorstellbar, dass Frauen nur um des Sex willen Sex haben …

Ulrich Seidl: Ja, und besonders bei älteren Frauen. Bei Männern wird das ja zumindest als Kavaliersdelikt hingenommen.

SKIP: Von Ihnen erwartet man keinen einfach zu konsumierenden Film. Aber mit Paradies: Liebe scheinen vor allem viele männliche Kritiker große Probleme zu haben …

Ulrich Seidl: Sie sehen eine ältere Frau mit jungen Männern, und das gefällt ihnen nicht, dabei fühlen sie sich unwohl, normalerweise sieht man es ja eher umgekehrt. Und dann genieren sie sich dafür, wenn sie sich dabei ertappen, dass sie sexistisch sind.

SKIP: Mit dem Thema weiblicher Sex-Tourismus behandeln Sie ein gesellschaftliches Tabu. Wie haben Sie da recherchiert?

Ulrich Seidl: Zunächst habe ich mich in das Thema eingelesen, dann sind wir dorthingefahren, wo das stattfindet. Ich war in der Karibik und in Kenia. Letztendlich war für mich Afrika wichtiger und inspirierender, weil Afrika eine gemeinsame Geschichte mit Europa hat. Kenia im speziellen Fall ist ein Land, wo zwischen Reichtum und Armut und zwischen Schwarz und Weiß eine große Lücke herrscht. Besonders in den Touristengebieten ist es wie in der Kolonialzeit: Die Weißen sind die Besitzenden, und Weiße haben zu allem Zugang, wenn sie Geld haben. Man wird natürlich auch gehasst, weil die Schwarzen finden, man ist schuld an ihrem Unglück. Deshalb ist es von ihrer Seite aus berechtigt, den Weißen möglichst viel Geld abzunehmen. Es läuft alles übers Geld. Was nichts bringt, macht man nicht. Vor allem im Umgang mit Europäern.

SKIP: Bei ihren Filmen ist es oft sehr schwer zu sagen, was überhöht und was beobachtet ist. Wie ist das bei diesem Film - läuft das Anbandeln am Strand von Kenia wirklich so drastisch ab?

Ulrich Seidl: Es enspricht der Realität, aber meine Bilder verdichten das sozusagen auf ein klares Bild, wo man sofort erkennt, worum es geht. Aber es gibt zum Beispiel dort wirklich Männer, die mit Blick zum Hotel stehend warten. Und davor liegen wirklich die Leute in der Sonne.

SKIP: Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerinnen gefunden? Sie verlangen ja wirklich sehr, sehr viel von ihnen.

Ulrich Seidl: Viel Auswahl hatten wir nicht. Sie mussten bereit sein, sich auf meine Arbeitsmethode einzulassen, bereit sein, ihren Körper herzuzeigen, mit schwarzer Haut, mit Männern umgehen vor der Kamera. Alles Dinge, die viele nie und nimmer machen würden. Die meisten Schauspieler und Schauspielerinnen denken zuerst an ihr eigenes Image, was völlig blöd ist.

Interview: Gini Brenner / Mai 2012

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