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Interview mit Fernando Meirelles zu 360

In seinem faszinierenden Liebesreigen 360 stellt Regisseur Fernando Meirelles die Weltmacht Liebe als Sklavin vieler kleiner glücklicher oder unglücklicher Zwischenfälle dar. "Ist ja auch wirklich so", meint er im SKIP-Interview.

SKIP: In Ihrem Film sehen wir einen Haufen Menschen, deren Leben von zahlreichen Zufällen bestimmt wird – manchmal fast ohne, manchmal mit extremen Konsequenzen.

Fernando Meirelles: Das geht uns doch allen ständig so. Oft ändern eben ganz kleine Entscheidungen das ganze Leben. Zum Beispiel bin ich vor etwa zehn Jahren bei einem London-Besuch mit einem Freund spazierengegangen, und zufällig sind wir in die Greek Street eingebogen. Dort in einer Bar saß der Produzent Simon Channing Williams, zufällig ein Bekannter meines Freundes. Und Simon erzählte: "He, ich hab zufällig gerade ein Skript reinbekommen, wollt ihr einen Blick drauf werfen?" Das war Der ewige Gärtner. Wäre ich also damals nicht genau zur richtigen Zeit die Greek Street entlang gegangen, würde ich jetzt auch wohl nicht hier sitzen, denn daraus hat sich im Nachhinein noch vieles Weitere ergeben.

SKIP: 360 entstand - nicht ganz zufällig - an zahllosen Schauplätzen, unter anderem haben Sie auch in Wien gedreht …

Fernando Meirelles: Ja, und Wien war von all den Drehorten arbeitstechnisch auch wirklich was Besonderes. Es ist dort so einfach, sich zu bewegen, Dinge zu machen. Wir konnten ganze Straßen problemlos sperren lassen - in London etwa geht das nicht!

SKIP: Der Film hat ja auch Produktionsfirmen aus sehr vielen verschiedenen Ländern. Mussten Sie da Kompromisse finden zwischen den einzelnen Ansprüchen?

Fernando Meirelles: Die Liste der Produzenten bei diesem Film ist tatsächlich sehr lang, und ich musste mir viele Einwände anhören. Den Österreichern hat z. B. eine Musik eines bulgarischen Trompeters nicht gefallen. Und die Engländer waren ganz erzürnt, dass ich in der Szene zwischen Jude Law und Rachel Weisz die beiden länger über die Entsorgung von Hundescheiße reden lasse. Das hat die so fertiggemacht, dass ich schließlich auf diesen Teil verzichtet habe (lacht).

SKIP: Bisher haben Sie fast ausschließlich im Independent-Kino gearbeitet, aber ich nehme an, dass sie nach Ihren internationalen Erfolgen bereits einige Blockbuster-Angebote bekommen haben?

Fernando Meirelles: Fast jede Woche!

SKIP: Und haben Sie schon mal überlegt, sich auch auf sowas einzulassen?

Fernando Meirelles: Viel konkreter sogar. Fünf Jahre ist das glaube ich her, das war bei Collateral mit Tom Cruise, Spielberg hat produziert. Ich habe auf das Angebot zugesagt und bin nach Los Angeles geflogen. Nach zwei Wochen Meetings wurde mir klar, dass ich da wohl für mindestens ein Jahr dort bleiben müsste, also quasi fast schon dort hinziehen. Aber ich habe eine große Familie in Brasilien, ich will von dort nicht weg! Also hab ich ihnen irgendwann gesagt: "Sorry, es war ein Fehler, ich will nach Hause!" und bin wieder abgehaut.

Interview: Kurt Zechner / Oktober 2011

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