Nur die Liebe zählt

Interview mit Michael Haneke zu Liebe

Michael Hanekes Filme verbindet man schnell mit Gewalt, Kälte, Distanz. Warum dennoch die Liebe darin am wichtigsten ist und warum Quentin Tarantino das nicht verstehen will, erzählt der große Filmemacher im SKIP-Interview - im Kaffeehaus, eh klar, der Heimatstätte des inszenierten Alltags und des klugen Diskurses.

SKIP: Liebe wurde von vielen Kritikern Ihr "mildester Film bisher" genannt. Aber gehts darin nicht ganz im Gegenteil um die grausamte Wahrheit, dass auch die größte Liebe nie happy endet?

Michael Haneke: Ja, das ist halt die conditio humana. Um die kommen wir alle nicht herum. Sterben ist ein grausamer Moment.

SKIP:Finden Sie selber eigentlich, dass sich Ihre Bildsprache mit den Jahren verändert hat?

Michael Haneke: Darüber mache ich mir keine Gedanken, weil, wie sagt man so schön: Man soll einen Tausendfüssler nicht fragen, wie er geht, weil dann fängt er zu stolpern an. Deshalb habe ich ja immer Schwierigkeiten mit den Kritikern und die Kritiker mit mir. Kritiker sind ja mehr oder weniger dazu verpflichtet, die Dinge auf den Begriff zu bringen, zu reduzieren. Aber alles, was man auf den Begriff bringt, ist künstlerisch tot. Weil dann weiß ich es ja, und dann ist es nicht mehr interessant. Ich habe ja selber früher begonnen als Buchkritiker, ich habe aber auch Filmkritiken geschrieben in den 60er Jahren. Und das ist schwierig. Ich habe auch gemerkt, wenn ich von etwas überfordert war - also ich war damals um die Zwanzig -, dann war ich verärgert und habe draufgehaut. Weil, das war am leichtesten.

SKIP: Es ist nichts so einfach geschrieben wie eine gute schlechte Kritik.

Michael Haneke: Genau. Ich habe dann nur mehr Bücher und Filme rezensiert, die ich mochte. Das hat mich gezwungen, mich ausführlicher damit auseinanderzusetzen. Aber es hat mehr Zeit gebraucht. Ich bin ja immer fassungslos über die Leute, die bei Premieren in der Pause schon am Handy die Theaterkritiken in die Redaktion durchgeben.

SKIP: Man kann sich hinter der Analyse-Haltung, hinter kritischem Zynismus auch gut verschanzen, damit einem das Geschehen nicht zu nahe gehen kann. Bei Ihren Filmen ist es aber schwierig, sich zu distanzieren, weil - nicht nur in diesem - sehr viel Liebe drinsteckt, man kann nicht anders, als mit den Figuren mitzufühlen.

Michael Haneke: Zynismus ist für mich in der Kunst etwas zutiefst Menschenfeindliches, also das mag ich gar nicht. Es gibt ja auch so Regisseure und Schauspieler - dumme Schauspieler! -, die eine Meinung zur Figur spielen. Die spielen nicht die Figur, sondern die spielen ihre Meinung zur Figur: Das ist ein Bösewicht - also spiele ich einen Bösewicht! Was ganz dumm ist. Und deshalb verteidige ich jede Figur, die ich erfinde, mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Und wenns ein Böser ist wie in Funny Games. Eine Figur, die ich einfach nur nicht mag, die ist keine Figur.

SKIP: Ihre Filme wirken auch deshalb so heftig, weil Sie Gewalt nie ironisieren - so wie etwa Quentin Tarantino das macht. Was halten Sie von seinen Filmen?

Michael Haneke: Das ist ein unglaubliches Talent, keine Frage. Ich finde, Pulp Fiction oder Reservoir Dogs sind wunderbar gemachte Filme. Mir ist nur dieser Zynismus unsympathisch. Das ist dieser Zynismus aller Actionfilme, die Gewalt als Konsumartikel feiern: "Das ist so luuustig!" John Woo (Regisser von u.a. Face/Off oder Mission: Impossible 2, Anm.) zum Beispiel hat einmal gesagt: "Ich bin ein großer Fan von Fred Astaire. Ich mache mit der Gewalt das, was Fred Astaire mit seinen Beinen gemacht hat." Und ich denke mir: "Weißt du überhaupt noch, was du sagst, Burschi?" Er ist ein hochbegabter Mensch, keine Frage, genauso wie der Tarantino. Aber diese Haltung ist mir zutiefst zuwider. Das ist eine absolut unmenschliche Haltung, die natürlich dazu dient, ein bestimmtes Publikum in einem bestimmten Alter möglichst zu amüsieren - und das mag ich nicht.

SKIP: Apropos amüsieren - Sie haben einmal versucht, eine Komödie zu inszenieren …

Michael Haneke: Nicht nur versucht, ich habs auch gemacht (lacht)! Das war der größte Flop meines Lebens. Es war grauenhaft. De-sas-trööös! Ich kann das schlichtweg nicht. Man soll von einem Schuster nicht verlangen, dass er Hüte macht. Jeder macht das, was er kann.

SKIP: Sie arbeiten seit Jahren hauptsächlich in Frankreich, aber je erfolgreicher Sie werden, umso mehr werden Sie als "österreichischer" Regisseur vereinnahmt. Stört Sie das?

Michael Haneke: Solange wir kein faschistisches System haben, stört es mich nicht. Damals, als es die schwarz-braune Regierung gab - schwarz-blau, Entschuldigung! - habe ich keinem Politiker die Hand gedrückt, weil ich das einfach nicht mag. Aber Meingott, das ist normal, sobald irgendein Künstler im Ausland Erfolg hat, wird er auch in Österreich geschätzt. Wenn er im Ausland keinen Erfolg hat, kann er sich hier derstessen und wird kein Leiberl reissen. Das war immer so und das wird immer so bleiben, damit muss man umgehen. Es gibt ja Schlimmeres als die Leute, die einem auf die Schulter klopfen. Unangenehm ist es nur, wenn es sich um Leute handelt, die man nicht mag.

SKIP: Außerdem könnten Sie dadurch ja auch Publikumsschichten erreichen, das Ihre Filme sonst nicht unbedingt sehen würde.

Michael Haneke: Vor allem geht es darum, dass der österreichische Film in der allgemeinen Öffentlichkeit unterstützt werden soll. Ich muss nicht mehr unterstützt werden.

SKIP: Um zum Thema Ihres Films zurückzukommen: Haben Sie sich für etwas entschieden, woran Sie glauben, was danach kommt?

Michael Haneke: Was nach dem Tod kommt? Naja, ich sage immer, über meine sexuellen und religiösen Gewohnheiten spreche ich nicht. Und wenn ich mich entschieden hätte, würde ich es Ihnen nicht sagen.

Interview: Gini Brenner / August 2012

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