Dame mit Hund

Interview mit Martina Gedeck zu Die Wand

Schmutzige Fingernägel, kurze Haare, abgerackertes Gesicht: In Die Wand spielt Martina Gedeck eine Einsame am Berg, die schreibt, um zu überleben. Ein SKIP-Gespräch über das Töten, die Lust am Alleinsein und eine Stimme aus dem Jenseits.

SKIP: Sie haben während der Dreharbeiten in einer Hütte gewohnt, fast wie im Film …

Martina Gedeck: Ja, im Sommer habe ich auf dem Berg gewohnt. Ich wollte das immer schon einmal, schon lange vor diesem Film - einfach auf einer Hütte sein, die weitab liegt, wo man einfach seine Ruhe hat und niemand sonst ist. Ich hab insgesamt in drei Hütten gewohnt, eine mit Strom und Wasser, da hab ich am Schluss auch im Winter gewohnt. Und in einer anderen gab es gar nichts, kein fließendes Wasser und keinen Strom.

SKIP: Die meiste Zeit sind Sie allein im Film, Ihr wichtigstes Gegenüber ist der Hund. War das eine besondere Herausforderung?

Martina Gedeck: Ich bin extra vor dem Dreh öfter nach Wien gereist, um mit Julian Pölsler und dem Hund unterwegs zu sein. Wir sind dann gemeinsam lange spazieren gegangen, und ich habe die Angst verloren, ihn anzufassen. Julian Pölsler hat mir beigebracht, dass ich konstant mit ihm reden soll, damit er bei Fuß bleibt, "Komm Luchs, bleib bei mir, wo bist du denn Luchs, braver Luchs". Das hab ich irgendwann kapiert, und dann ist er mir auch gefolgt - aber ohne, dass er mich mit Liebe überschüttet hätte, das war schon seinem Herrchen vorbehalten, und das ist der Herr Pölsler (lacht).

SKIP: Was bedeutet Ihnen Marlen Haushofers Roman Die Wand?

Martina Gedeck: Ich habe das Buch als Teenager gelesen und fand damals schon beeindruckend, wie wenig diese Frau die Menschen vermisst. Es ist so eine Erleichterung, dass sie nicht herumjammert. Eigentlich ist sie eine Frau, die voller Kraft ist - und sie lernt, zu töten. Dieses Gedankenspiel steckt für mich in ihr drin: Sie möchte töten, sie möchte das alles nicht mehr haben. Sie sagt: "Schluss, ich mag nicht mehr, ich empfinde nichts für dieses Leben das ich da gelebt habe!" Sie sieht das mit einer großen Kälte, und sie schließt mit ihrem vorherigen Leben ab. Man läuft doch ständig anderen hinterher, weil man denkt dass man so ist, wie jemand anderer einen haben möchte, der Ehemann, die Eltern, die Kinder oder die Gesellschaft. Und sie hört damit auf, radikal. Marlen Haushofer (1920-1970, Anm.) sagt mit dieser Geschichte doch: "Ich entwerfe diese Welt, und ich entwerfe, dass alle tot sind." Das war für mich ein unheimlich einschneidendes Leseerlebnis.

SKIP: Haben Sie das Gefühl, dass diese Rolle auf Sie gewartet hat?

Martina Gedeck: Wissen Sie, ich habe ja nun schon so manche Frau verkörpert, die tatsächlich einmal gelebt hat, und ich habe mir immer wieder gedacht: Die haben sich mich ausgesucht dafür. Das klingt vielleicht ein bisserl spinnert, aber ich glaube daran (lacht). Wenn ich mir die Marlen Haushofer vorstelle, dass sich die den Pölsler ausgesucht hat und dafür gesorgt hat, dass ich die Rolle spiele, ist das für mich schlüssig. Das Projekt gibt es ja schon sehr lange, und es sollten ja auch schon andere Kolleginnen die Rolle spielen. Ich denke schon, dass jemand gesagt hat: Das ist jetzt der richtige Moment.

Interview: Magdalena Miedl / Februar 2012

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.