Mutter des Bösen

Interview mit Tilda Swinton zu We Need to Talk About Kevin

We Need to Talk About Kevin. Ganz genau: SKIP nahm den Filmtitel wörtlich und bat die wunderbare Tilda Swinton in Cannes zum Exkusiv-Talk über die Dämonen der Mutterschaft, die Fesseln der Familie und das ewige Geheimnis Mensch.

SKIP: Glauben Sie, dass das Böse angeboren ist?

Tilda Swinton: Mit dem Konzept des Bösen habe ich ehrlich gesagt so meine Probleme. Das ist kein Wort, das sinnvoll beschreiben würde, worum es hier geht. Wir erzählen von Dämonen, so wie in Das Omen oder Rosemary's Baby. Bei den Vorbereitungen sagte ich zu Lynne, der Regisseurin, dass es in diesem Film einfach darum geht, wie es ist, ein Kind großzuziehen - genauso wie Rosemary's Baby ein Film über die Schwangerschaft ist. Jede Mutter hat diese Phantasie, wenn sie schwanger ist, sie könnte einen Teufel zur Welt bringen. Besonders, wenn es ein Sohn wird. Irgendwann denkt sie sich: Hab ich ein Monster hervorgebracht? Dieser Film ist ein Horrorfilm, eine Liebesgeschichte, ein Kriegsfilm. Ein Märchen. Es ist keine Dokumentation und kein Sozialkommentar.

SKIP: Ein Märchen vielleicht, aber teilweise furchterregend nahe an der Wirklichkeit. Versuchen nicht alle Kinder, ihre Eltern gegeneinander auszuspielen und sie zu manipulieren?

Tilda Swinton: Und alle Eltern machen dasselbe. Versuchen ihre Kinder zu manipulieren oder sie ihren Gefährten gegenüber auszuspielen. Das ist in Stein gemeißelt, dieses ganze Beziehungs-Business, das innerhalb einer Familie vor sich geht. Es gibt dieses fragwürdige Verwandtschaftsgefüge aus Eltern, Geschwistern, Cousins und Cousinen, von den eigenen Kindern gar nicht zu sprechen. Wie schwierig ist es, in diesem Rahmen authentisch zu sein? Wie viele von uns können das schon? Egal wie aufgeklärt und weltoffen wir sind. Wir tun uns immer noch schwer, authentisch mit unseren Eltern umzugehen. Und umgekehrt. Es ist kompliziert! Und niemand kommt hier lebend raus (lacht).

SKIP: Sie sind hier nach Julia und I Am Love nun schon zum dritten Mal eine verzweifelte Mutter …

Tilda Swinton: Das wird ein Boxset mit dem Titel "Mutterblut" (lacht). Diese drei Filme habe ich alle selbst initiiert, weil mich die Geschichten interessiert haben. Zufälligerweise bin ich auch selbst Mutter, obwohl das dabei nicht so eine große Rolle spielt. Vielleicht hat es mehr damit zu tun, dass ich eine Mutter habe. Es fasziniert mich als Mensch wie als Künstlerin, wie schwierig ist, mit anderen Leuten wirklich zu kommunizieren. Es ist schier unmöglich, zu wissen, was jemand anderer denkt. Das ist einer der Gründe, warum ich Kino mag. Kino erinnert uns daran, dass man sich nie sicher sein kann. Man sieht ein close-up und weiß erst recht nicht, was diese Person gerade denkt.

SKIP: Warum ist es so schwer, einander zu kennen?

Tilda Swinton: Weil jeder von uns auf seinem individuellen Trip ist. Wenn man sowas wie ein komplizenhaftes Empfinden entdeckt, dann ist das ein Grund zum Feiern. Weil das kommt ziemlich selten vor.

SKIP: In diesem Film geht es ja auch darum, dass es viele Eltern - insbesondere Mütter - gibt, die genau darunter leiden, dass sie sich ihrem Kind nicht nahe fühlen.

Tilda Swinton: Als ich das Buch gelesen habe, war ich mich glücklich, dass jemand einmal diesem Aspekt, diesem Tabu Aufmerksamkeit geschenkt hat. Ich erinnere mich, als ich meine Kinder bekam - ich habe ja Zwillinge -, dachte ich mir: "Ich bin ganz bei euch und ich finde es leicht, euch lieb zu haben, aber ich bin mir bewusst, dass es auch anders hätte laufen können." In einem Augenblick wurde mir klar, dass ich auch Glück hatte. Es gibt unzählige, Millionen von Frauen, die nicht dieses Glück haben. Wie ein Lichtschalter, der nicht angeht.

Interview: Gini Brenner / Mai 2011

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