Nieder mit dem Establishment!

Interview mit Oliver Stone zu Savages

"Marihuana ist ein Geschenk Gottes" sagt er, und am Revers trägt er einen Button mit der Russin Walentina Tereschkowa drauf, der ersten Frau im All. Zwar ist es um Oliver Stone ruhiger geworden, doch er ist unverändert ein hochpolitischer, unbequemer Revoluzzer, der sagt, was er sich denkt, auch wenn er es später relativieren muss. Warum er sich trotzdem nicht als kontroversiell betrachtet, erfuhr SKIP beim Interview in Berlin.

Platoon, Wall Street, JFK, Natural Born Killers, Geboren am 4. Juli, The Doors, Scarface. Drei Oscars, fünf Golden Globes, dazu Preise in Berlin und Venedig. Aber mit Alexander auch ein legendärer Flop. Jetzt meldet sich Filmemacher Oliver Stone, 66, Vietnamveteran und bekennender Freund bewusstseinserweiternder Substanzen sowie USA-kritischer Präsidenten von südlich der Grenze, mit einer extremen Drogen-Krimi-Love-Story zurück.

SKIP: Mr. Stone, Savages hat eine sehr romantische Komponente und ist gleichzeitig stellenweise unglaublich brutal. Extreme Gewaltdarstellung gibts heute ja auch schon im Pay-TV zu sehen - standen Sie dadurch unter Druck, diesbezüglich auch mehr zu zeigen?

Oliver Stone: Nein, aber das Buch ist wild und originell, und mein Film sollte unvorhersehbar werden, kein Klischee. Außerdem kann man keinen realistischen Film über die Kartelle machen, ohne deren Brutalität zu zeigen, die ja vielfach dokumentiert ist. Aus dem Irakkrieg haben sich die Kartelle beispielsweise die Enthauptungen abgeschaut, sowas gabs früher nicht in Mexiko. Ich bin nur in einer Szene wirklich an die Grenze des Erträglichen gegangen, beim Auspeitschen. Hätte ich darüberhinaus noch mehr gezeigt, wäre der Film abstoßend geworden. Aber das Wichtigste ist sowieso immer, dass sich die Action in Zusammenhang mit den Charakteren entwickelt. Es gibt ja diesen furchtbar langweiligen Trend, dem Publikum einfach nur unmotivierte Actionszenen vorzusetzen, da muss man sich nur den letzten Bourne-Film anschauen. Das emotionale Highlight in meinem Film ist, wie die Gewalt auf Ben überspringt, wie er durch die Vorfälle schrittweise der Gewalt in die Arme getrieben wird.

SKIP: Die Sex-Szenen sind im Vergleich dazu harmlos ...

Oliver Stone: Das ist Ausdruck der amerikanischen Scheinheiligkeit, speziell im Filmrating-System, das mir eher erlauben würde, einen Busen abzuschneiden, als einfach nur herzuzeigen.

SKIP: Wie stehen Sie zu Amerikas Krieg gegen die Drogen?

Oliver Stone: Diesen Krieg hat uns Nixon vor 40 Jahren eingebrockt, eine Farce. Wir haben mehr, billigere und bessere Drogen als je zuvor. Wir haben weltweit die höchste Inhaftierungsrate. Und ein sehr großer Teil davon wegen Drogenvergehen, die eigentlich keine sind, aber kriminalisiert werden. Das Verfolgen dieser Drogenvergehen kostet uns 30 Milliarden pro Jahr allein für die DEA, dazu kommt die kostspielige Militarisierung der Grenzen. Und wir dürfen die Gewerkschaft der Justizvollzugsangestellten nicht vergessen, die geben als Lobbyisten einen Haufen Geld aus, damit mehr und mehr Gefängnisse errichtet werden. Wir haben doch den Verstand verloren. Wenn man in einer Situation, egal ob Drogen oder Terror, immer nur hochrüstet, kommt man nie mehr weg davon, kein Politiker schafft das jemals. Denn sofort würden sich die Medien auf irgendwelche Eltern stürzen, die ihr Kind an Drogen verloren haben. Insofern ist das ja auch eine von den Medien gepushte Krise.

SKIP: Das klingt, als würden Sie keinen Ausweg sehen?

Oliver Stone: Es gibt einfach keinen Ausweg. Beziehungsweise beschäftigt sich mein Film auch gar nicht mit der Frage eines Auswegs, Savages spielt ja völlig innerhalb dieses Krieges.

SKIP: Glauben Sie, die teilweise Legalisierung würde etwas bringen?

Oliver Stone: Das brauchen wir nicht mal diskutieren, denn es wird nicht passieren. Nicht einmal Obama, der selber Dope geraucht hat, könnte das durchsetzen. Jetzt ist er selber Teil des Problems. Die Bundesbehörden mischen sich ja auch fleißig in die (Marihuana-freundlichere, Anm.) kalifornische Gesetzgebung ein.

SKIP: Wie gehen Sie damit um, dass man Ihnen das Label "kontroversieller Filmemacher" verpasst hat?

Oliver Stone: Natürlich mag ich es nicht besonders. Ich habe ja auch Filme gedreht, die ruhig und harmlos waren, dann hab ich gehört: Naja, aber das war jetzt nicht sehr kontroversiell. W war subtil, da hätte ich viel gemeiner sein können. Und Nixon - ein Film, den ich mag, über einen Menschen, den ich nicht mag. Kontroversiell ist glaub ich eine gegenstandlose Analyse, denn man weiß doch nicht wirklich, was kontroversiell aufgenommen wird. Wer hätte sich gedacht, dass ein dummes YouTube-Video die halbe Muslimische Welt aufregt? Man sollte es definitv nicht als Ziel verfolgen, kontroversiell zu sein. Ich sehe mich selber als Dramatiker, der die Wahrheit sucht in seiner Arbeit. Und das provoziert manche Leute natürlich ... weil sie Mitt Romneys sind.

SKIP: Am Beginn des Films sagt O, Drogen sind die rationelle Antwort auf Irrsinn.

Oliver Stone: Dazu stehe ich absolut. Ich bin der Meinung, Leute, die andere Leute wegen Marihuana ins Gefängnis stecken, sind verrückt. So wie jene, die Kriege im Irak oder Afghanistan anfangen. Leute wie mein alter Klassenkamerad George Bush - ich habe ja kurzzeitig Yale besucht in '68 - diese Leute, das Establishment in Amerika - die sind wirklich verrückt, davon bin ich überzeugt. Und vielleicht gelingt es mir ja einmal, einen Film zu machen, der das auf den Punkt bringt.

SKIP: Besteht eigentlich noch Hoffnung, dass Pinkville noch etwas wird?

Oliver Stone: Das wäre ein wunderbarer Film, den das amerikanische System aber nicht zulässt. Die haben ihn abgedreht, weil er an etwas erinnert, wovor die Leute Angst haben, das Massaker von My Lai (ein US-Kriegsverbrechen in Südvietnam 1968, Anm.). Mein nächstes Projekt ist jetzt einmal The Untold History of the United States, zehn Stunden für Showtime.

Interview: Dina Maestrelli / September 2012

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