Vermessungstechnik

Interview mit Daniel Kehlmann zu Die Vermessung der Welt

Ein Leben auf beiden Seiten der Weißwurstgrenze: Daniel Kehlmann, 37, ist in Österreich und Deutschland zu Hause. SKIP erwischte den Bestsellerautor in Wien und sprach mit ihm über 3D-Kino, Computerspielsucht und das Humorgefälle zwischen A und D.

SKIP: Wenn man sich den Film ansieht, wirkt es fast, als hätten Sie weniger den Roman adaptiert, sondern die ganze Geschichte kurzerhand neu erzählt …

Daniel Kehlmann: Ja, so war es eigentlich auch. Die Erzählstruktur war nicht von Vornherein füs Kino geeignet, außerdem passiert im Buch wirklich sehr viel. Das heißt, es war von Anfang an klar, dass man viel rauswerfen muss. Aber das war für mich überhaupt nicht schmerzhaft, ich habe das als sehr lustvoll empfunden, noch einmal in Kontakt zu kommen mit dieser Welt, die ich vor ein paar Jahren für mich erfunden hatte.

SKIP: Woher kam eigentlich die Idee, in 3D zu filmen? Noch gilt das ja eher als Stilmittel für Blockbuster …

Daniel Kehlmann: Ich finde ja 3D völlig fehleingesetzt für Blockbuster, im Grunde ist es die perfekte Technik für Dokumentationen und eine gewisse Art von Arthouse-Filmen. Man kann eine fremde, unbekannte oder historische Welt so wirklich machen, als ob man durch ein Fenster schaut.

SKIP: Was sehen Sie sich eigentlich selbst gerne im Kino an?

Daniel Kehlmann: Ich schaue mir alles an von Woody Allen oder den Coen-Brüdern. Andererseits lande ich auch oft in Blockbustern, besonders in SciFi-Filmen. Jede Art von "Invasion aus dem All". Und dann find ich den Teil mit der Invasion, wo die Zivilisation zusammenbricht, oft ganz stark und beklemmend, und den Teil, wenn die Menschheit zurückschlägt, eher dümmlich. Ich hoffe nach wie vor auf einen solchen Film, der bis zum Schluss funktioniert.

SKIP: Von SciFi ist es zu Computergames meist nicht weit ...

Daniel Kehlmann: Damit habe ich aufgehört, weil es mir zuviel Zeit wegnimmt. Ich bin zu suchtgefährdet. Ich kann mich hinsetzen und anfangen, zu spielen und plötzlich sind sieben Stunden vorbei.

SKIP: Wie wärs mit Die Vermessung der Welt als Game?

Daniel Kehlmann: Ja, nix dagegen, gar nichts dagegen! Wenn das jemand machen würde, die Rechte kann er gerne haben.

SKIP: Wie erklären Sie sich eigentlich den überwältigenden Erfolg Ihres Buches?

Daniel Kehlmann: Ich verstehe das immer noch nicht wirklich. Es ist ein unglaublich literarisches Buch, es ist voll von Anspielungen, lebt sehr stark von der indirekten Rede, handelt von historischer Wissenschaft …

SKIP: … und es gibt weniger Sex als im Film.

Daniel Kehlmann: Und deutlich weniger Sex als in den meisten Büchern (lacht). In der Zeit gab es einen schönen Artikel, der zum Ergebnis kam, alles, was man so an feuilletonistischen Gründen bringen kann, ist nicht so wichtig wie die Tatsache, dass es ein extrem lustiges Buch ist. Das hat mir natürlich gefallen.

SKIP: Sie sind ja einer der Deutschen, die die Theorie widerlegen, dass Deutsche keinen Humor haben.

Daniel Kehlmann: Ich bin ja auch Österreicher, das hilft vielleicht ein bißchen (lacht). Aber es stimmt ja nicht, dass es keine guten deutschen Humoristen gibt. Nur in Deutschland ist, glaube ich, der Prozentsatz von Leuten ohne Humor größer als anderswo.

Interview: Gini Brenner / September 2012

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