Jagdversteher

Interview mit Thomas Vinterberg zu Die Jagd

Als junger Wilder war Thomas Vinterberg einer der Mitbegründer der Dogma-Bewegung, mittlerweile ist er einer von Dänemarks arriviertesten Filmemachern. Mit SKIP sprach er über den Verlust der Unschuld und das Wesen der skandinavischen Seele.

SKIP: In Ihrem Film geht es um eine moderne Hexenjagd - die heute nach genau denselben Mechanismen abzulaufen scheint wie in den finstersten Tiefen der Geschichte.

Thomas Vinterberg: Ich glaube, es ist Teil der menschlichen Natur, Allianzen zu bilden, Gemeinschaften gegeneinander und möglichst genau definierte Feindschaften. Aber es war uns wichtig, dass wir alle Figuren verteidigen und uns auf keine Seite stellen wollten. Wir haben hier keine Schuldigen, wir haben keine Verräter. Sie wissen einfach alle nicht, wie sie sich verhalten sollen. Darin liegt auch eine große Traurigkeit: Wir haben die Unschuld verloren. Ich zum Beispiel bin in den 70er-Jahren in einer Kommune aufgewachsen, zwischen nackten Genitalien, die in meiner Augenhöhe rumgebaumelt sind, was überhaupt kein Problem war, und wo es physischen Kontakt gab zwischen Erwachsenen und Kindern, und da war nur Liebe und überhaupt kein Sex, es war total unschuldig - und das wäre heute nicht mehr möglich. Es ist vorbei, und natürlich gibt es dafür einen sehr guten Grund, wir alle wissen, dass es Kinder gibt, die missbraucht werden.

SKIP: In Ihrer Geschichte gehts ja eigentlich gar nicht wirklich um das Kind, um dessen Wohl sich vorgeblich alles dreht.

Thomas Vinterberg: Ja, das Mädchen wird sehr schnell zu einem Requisit in dieser Jagd.

SKIP: Haben Sie im Vorfeld irgendwelche realen Fälle recherchiert?

Thomas Vinterberg: Nicht wirklich. Wir wollten auch keine Anwälte oder Polizisten, es sollte keine Fallgeschichte sein sondern eine Geschichte über Menschen, über Liebe, über Vaterschaft und Zusammensein und den Verlust der Unschuld. Menschen sind irrationale Wesen, und ich denke sie reagieren so wie ihre Emotionalität ihnen das vorgibt. Ich finde, unsere Hauptfigur reagiert sehr typisch skandinavisch, er besteht darauf, zivilisiert zu bleiben und an das Gute im anderen Menschen zu glauben. Aus dieser Perspektive ist das, was er tut, total logisch und realistisch.

SKIP: Ist diese Besonnenheit tatsächlich eine skandinavische Tugend?

Thomas Vinterberg: Wir sind oft überzivilisiert, ja. Da ist ein Mangel an Libido in den Straßen Skandinaviens. Das mag mit ein Grund dafür sein, warum es hin und wieder so extreme Ausbrüche von Agressivität gibt. Es ist, als wäre eine mittelmäßige zivilisierte christliche Daunendecke über das ganze Land gebettet.

Interview: Gini Brenner / Mai 2012

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