Schlafes Mutter

Interview mit Isabelle Huppert zu Bella addormentata

Auch wenn man das hierzulande gern glauben würde: Die wunderbare Isabelle Huppert spielt nicht nur für Haneke, ganz im Gegenteil, die 59-jährige Kino-Ikone ist eine der meistbeschäftigten Schauspielerinnen Europas. In Venedig präsentierte sie Marco Bellocchios neuestes Werk Bella addormentata.

SKIP: Sie spielen im Film die Mutter einer Koma-Patientin, die ihren Beruf als Schauspielerin aufgegeben hat, um ihre Tochter zu pflegen …

Isabelle Huppert: Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich eine Schauspielerin spiele. Und ich fand es äußerst interessant, dass sie einerseits sagt, sie will die Schauspielerei aufgeben und gleichzeitig lebt sie doch in einer sehr theatralischen Umgebung. Das Haus ist wie eine Bühne, und die Tochter ist wie eine Märchenfigur, ein Dornröschen.

SKIP: Hat Sie eher der Charakter Ihrer Figur oder doch das Thema Sterbehilfe motiviert, diese Rolle anzunehmen?

Isabelle Huppert: Ich wollte einfach mit Marco Bellocchio zusammenarbeiten. Schauspieler sollten sich nicht vom Thema eines Filmes zur Mitarbeit an einem Projekt überzeugen lassen, das ist nicht unsere Sache.

SKIP: Suchen Sie Ihre Filme immer nach dem Regisseur aus?

Isabelle Huppert: Ja, oft noch bevor ich die Rolle kenne.

SKIP: Sie spielen oft Figuren, die sich neurotisch verhalten, bis hin zur Psychose …

Isabelle Huppert: Nun, sehr oft ist die Grenze zwischen normal und abnormal recht schmal. Jeder von uns ist sehr nah an dem, was Sie vielleicht als abnormes Verhalten bezeichnen würden.

SKIP: Haben Sie schon Figuren gespielt, die am Limit dessen waren, was Sie tun können und wollen?

Isabelle Huppert: Nein. Manchmal sind die Filme schwer durchzustehen fürs Publikum, aber niemals für die Schauspieler. Das ist eine völlig andere Erfahrung - zum Glück.

SKIP: Sie könnten also jede Rolle spielen?

Isabelle Huppert: Nein, ich könnte nie in einem Film spielen, dessen Grundidee ich nicht respektiere.

SKIP: Es heißt, Sie wären eine sehr intellektuelle Schauspielerin, was die Vorbereitung angeht.

Isabelle Huppert: Ja, ich weiß (lacht).

SKIP: Aber wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?

Isabelle Huppert: Ich lese das Drehbuch, entscheide mich ob ich die Rolle annehme oder nicht, und dann spiele ich. Die Amerikaner bereiten sich viel mehr vor, sie proben, sitzen um einen Tisch und lesen das Drehbuch gemeinsam. Aber diese Angewohnheit haben wir nicht in Frankreich, nicht einmal jemand, der so akribisch und arbeitsbesessen ist wie Michael Haneke, macht das. Wir würden niemals um einen Tisch sitzen und die Szenen gemeinsam erarbeiten. Im Film geht es so sehr um den Moment, es ist schwierig, das vorzubereiten. Ich mag es nicht, zu proben, ich finde man verliert dadurch die Unmittelbarkeit.

SKIP: Stimmt es, dass Sie in dem Dario Argento-Remake von Suspiria mitspielen?

Isabelle Huppert: Ich fürchte, der Film kommt in nächster Zeit nicht zustande. Ich hätte die Schuldirektorin spielen sollen. Vielleicht ist er aber nur verschoben, wir werden sehen.

Interview: Gini Brenner, Kurt Zechner / September 2012

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