Heiter bis wolkig

Interview mit Tom Tykwer zu Cloud Atlas

Aus denselben Elementen, aus denen David Mitchell seinen grandiosen Roman Cloud Atlas gebaut hat, bastelten Lana Wachowski, Tom Tykwer und Andy Wachowski eine furchtlose Kinoversion. Ein SKIP-Interview mit Tom Tykwer über Evolution, Sex und Karteikarten.

SKIP: Es gehört doch einiges dazu, sich an ein Buch zu wagen, von dem der Autor selbst sagt, es sei unverfilmbar. Wie ging das?

Tom Tykwer: Wir haben uns zu dritt ein Haus auf Costa Rica gemietet und uns vorgenommen: Jeder Moment, jeder Gedanke, jede Szene die uns wichtig erscheint, schreiben wir auf eine Karteikarte. Irgendwann hatten wir ein paar hundert Karteikarten um uns herum liegen, wie ein verrücktes Mosaik. Dadurch war das ursprüngliche Muster des Romans schon aufgebrochen, und wir haben gesehen, dass es viele Szenen gibt, die einfach in einer anderen Epoche fortzusetzen wären. So sind wir auf den Gedanken gekommen, dass der Spielfilm ineinander viel verzahnter erzählt werden kann als der Roman: Es sind sechs Geschichten, aber eine Erzählung, die zwar zwischen den Epochen hin- und herspringt, dabei aber eine innere Logik hat.

SKIP: Ist dabei auch die Idee entstanden, Schauspieler durch mehrere Epochen hindurch in verschiedenen Rollen zu besetzen?

Tom Tykwer: Ja, der Gedanke ist ungefähr zur selben Zeit entstanden, als wir gemerkt haben, dass alles zusammengehört. Im Roman gibt es in jeder Epoche diese Figur mit dem besonderen Muttermal, die immer auftaucht. Und wir haben uns gefragt: Was wäre, wenn jede Episode vom selben Ensemble gespielt würde? Wenn das ein Ensemblefilm wird, der niemals die Gesichter wechselt, sondern nur die Zuordnungen? Die Idee war also, dass wir die Darsteller nicht für Figuren besetzen, sondern für einen genetischen Strang oder auch eine Seele, die eine evolutionäre Kurve durchmacht.

SKIP: Einer der spannendsten Aspekte des Films ist, dass Hautfarbe, Sexualität und Geschlecht sich über die Epochen bei einzelnen Darstellern mehrfach ändern können. Ist diese Idee von Lana Wachowskis Biografie inspiriert?

Tom Tykwer: Natürlich, das ist offensichtlich, aber wir hatten uns nicht vorgenommen: "Wir müssen das jetzt thematisieren." Für mich stellt sich eher die Frage, wie Filme diesem Thema heutzutage überhaupt entkommen könnten. Die Verschiebung sexueller Polaritäten, die Überlagerung ist für mich so offensichtlich ins Zentrum unserer Existenz getreten, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand sich davon befreien könnte. Das habe ich in meinem letzten Film Drei ja auch schon relativ deutlich versucht zu formulieren. Das Schöne war, dass sich das hier aus der Logik der Charaktere und ihrer Entwicklungen fast von selber ergab. Hugo Weaving spielt immer Erfinder oder Repräsentanten ausbeuterischer Systeme in der jeweiligen Epoche, vom diabolischen Old Georgie bis hin zur bösen Krankenschwester. Und Halle Berry ist auch einmal ein Mann, und ein andermal eine weiße Frau. Wir sind damit immer entspannter umgegangen.

Interview: Magdalena Miedl / September 2012

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.

Wir benutzen COOKIES auf unserer Seite um die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Mit der Benutzung unserer Webseite stimmen sie dem Einsatz von Cookies zu.