Herrn Ruzowitzkys Gespür für Schnee

Interview mit Stefan Ruzowitzky zu Cold Blood

"Mir geht es nicht darum, Tabus zu brechen - aber man muss den Leuten immer etwas Neues bieten, sonst interessierts ja keinen!" SKIP sprach mit Stefan Ruzowitzky über sein furioses Hollywood-Debüt Cold Blood, den Dreh im Schnee, das österreichische Filmwunder … und natürlich darüber, wo er seinen Oscar hingestellt hat.

SKIP: Viele Europäer sind nach ihrer ersten Hollywood-Produktion eher überfahren von völlig neuen Arbeitsumständen. Wie wars für dich?

Stefan Ruzowitzky: Das Drehen selber ist nicht viel anders als hier. Es gibt überall die gleichen Kameras und Scheinwerfer. Der ganz große Unterschied liegt darin, wie die Filme zustande kommen. Bis kurz vor Drehbeginn ist unsicher, ob das ganze überhaupt stattfindet. Es ist halt keine "geschützte Werkstätte" mit lang fixierten Förderungen wie bei uns meistens, sondern ein frei finanziertes System. Da kommt es vor, dass ein Finanzier eben kurzfristig abspringt. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig. Man hat immer gleich mehrere Projekte parallel in Vorbereitung und hofft, dass es eins bis zum Ende schafft. Dass in diesem System überhaupt was zustande kommt, ist eigentlich ein Wunder.

SKIP: Wie ist es nun konkret zu diesem Projekt gekommen?

Stefan Ruzowitzky: Wirklich losgegangen ist es, als Eric Bana zugesagt hat, der Garant dafür ist, dass die Geldgeber und andere Stars mitmachen. Besonders toll war natürlich, dass auch Sissy Spacek und Kris Kristofferson an Bord gekommen sind, weil das sind halt schon echte Filmikonen. Die Fälscher war klarerweise für alle ein wichtiger Faktor, warum das überhaupt stattgefunden hat.

SKIP: Du hattest ja durch Die Männer Ihrer Majestät schon Erfahrung mit internationalen Produktionen, da ist es allerdings nicht so gut gelaufen …

Stefan Ruzowitzky: Das Problem dabei war, dass da eine Gruppe von Deutschen, Ungarn und Österreichern versucht hat, einen amerikanischen Film zu machen, der dadurch auch seltsam heimatlos wurde. Schon allein deshalb habe ich diesmal gesagt: Wenn ich einen US-Film mache, will ich ein rein amerikanisches Team haben. Ich war der einzige Europäer am Set.

SKIP: Dafür habt ihr den Schnee super hinbekommen, der sieht sonst in Hollywood-Produktionen für schneegewohnte Mitteleuropäer meist extrem künstlich aus.

Stefan Ruzowitzky: Ja, wir hatten auch das volle Programm: Bei einer Szene hat es wirklich genau geschneit, als es das Drehbuch verlangt hat. Meistens haben wir aber schon mit künstlichem Schnee gedreht - nur bei einer Location durften wir das aus Naturschutzgründen nicht, da ist er digital. Aber wir hatten Glück, dass in dem Jahr so lange Schnee gelegen ist. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben Panik vor dem Frühling.

SKIP: Aber sagst du jetzt nach dieser Erfahrung: Nie wieder ein Dreh im Schnee?

Stefan Ruzowitzky: Wenns das nächste Mal Karibik wäre, wäre ich nicht böse (lacht).

SKIP: Eine der geilsten Szenen ist die Ski-Doo-Verfolgungsjagd …

Stefan Ruzowitzky: Ja, ich hab es dringend notwendig gefunden, das mal ordentlich zu machen. Es gibt so eine Szene in einem alten Bond, die nimmt heute aber keiner mehr ernst - und in Inception gibts eine ganz schwache Ski-Doo-Verfolgungsjagd. Da habe ich gedacht, da kann man noch reüssieren.

SKIP: Bist du auch selber mit sowas gefahren?

Stefan Ruzowitzky: Ja - es ist sehr lustig, aber viel gefährlicher, als man glaubt! Einmal sind uns zwei Teammitglieder einen Abhang runtergeflogen. Gottseidank ist ihnen nichts passiert.

SKIP: Gerade die Ski-Doo-Szene drängt dieser Tage fast die Frage auf: Bond-Regie, wär das ein Traum von dir?

Stefan Ruzowitzky: Logisch!

SKIP: Als du mit 35 Jahren gesagt hast „Ich mach jetzt einen Film!“ und dann dein vielbeachtetes Debüt Tempo vorgelegt hast – hattest du damals schon ein so klares Ziel, wohin die Reise gehen soll?

Stefan Ruzowitzky: Ich wollte schon immer Kinofilme machen. Und damit meine ich nicht „Eigentlich reicht mir ein ORF-Fernsehspiel“, sondern ich habe schon nach den höchsten Ehren und großen Projekten gestrebt. Und da ich immer schon Publikumsfilme machen wollte, bin ich eben jetzt in der US-Filmbranche gelandet, weil das sehr kompatibel ist. Als klassischer Kunstfilmer wäre ich wahrscheinlich dort weniger glücklich.

SKIP: Hast du folglich auch kein Problem damit, dass dir der Respekt als Künstler nie so ganz in dem Maße gewährt wurde wie etwa Seidl oder Haneke?

Stefan Ruzowitzky: Nein, nicht wirklich. Für mich sind Festivals und Preise doch eher Mittel zum Zweck: Es kann doch nicht nur darum gehen, dass man eine Jury begeistert, sondern, dass ein Film ein Publikum erreicht. Hierzulande hält man es oft für ein Qualitätsmerkmal, wenn Kunst so elitär ist, dass sie von der breiten Masse nicht verstanden wird. Ich fand diesen Zugang immer albern, und mir gehts nicht um die Anerkennung einer doch relativ kleinen Kritiker-Clique. Ich glaube ja, dass vielen Kritikern, weil sie halt so viele Filme sehen, prinzipiell jeder Regelverstoß, jeder Tabubruch gefällt. Mir gefällt das auch, aber nur, wenn dann der Film trotzdem funktioniert. Filme machen, die radikal sind, wo aber gar nicht versucht wird, ein Publikum zu finden, das ist relativ leicht. Aber zu probieren, etwas Neues zu machen und trotzdem ein breites Publikum zu finden, das ist, was mir am meisten Respekt abnötigt.

SKIP: Welche Regeln hast du bei Cold Blood gebrochen?

Stefan Ruzowitzky: Ich hab gar nicht soo den Anspruch, Regeln zu brechen. Aber ich will weg von ausgetretenen Pfaden, Dinge machen, die man so noch nicht gesehen hat. Man muss etwas Neues bieten, sonst interessierts ja niemanden.

SKIP: Woran arbeitest du gerade?

Stefan Ruzowitzky: Ich drehe gerade ein Doku-Essay in Österreich und habe verschiedene Hollywood-Projekte am Köcheln. Darüber erzähle aber jetzt sicher nichts Genaueres. Denn wenn man sagt "Ich hab den berühmten Soundso für ein mögliches Projekt getroffen", dann geistert das immer ewig herum, und Jahre später wird man noch gefragt: "Na, was ist denn jetzt mit dem Film mit dem Soundso?"

SKIP: Jetzt sitze ich schon eine Stunde in deinem Wohnzimmer, aber den Oscar habe ich immer noch nicht erspäht. Wo hast du ihn denn versteckt?

Stefan Ruzowitzky: Der steht im Stiegenhaus, auf einem kleinen Podest über der Treppe. Nicht angeberisch, aber recht ehrenvoll.

Interview: Kurt Zechner / Oktober 2012

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