Living Out Loud

Interview mit Barbara Albert zu Die Lebenden

In Die Lebenden erzählt die österreichische Regisseurin Barbara Albert (Nordrand, Böse Zellen) von einer modernen jungen Frau - und gleichzeitig ein Kapitel aus ihrer eigenen Familiengschichte. SKIP traf sie die Wahlberlinerin in Wien zum Interview.

SKIP: Die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Aufarbeitung der Vergangenheit? Soll man vergeben, soll man vergessen?

Barbara Albert: Nun, Sita, die Frau im Film, ist nicht in der Position, zu vergeben, denn ihr hat niemand was getan. Und sie ist auch nicht die, die sich schuldig fühlen sollte. Sie tut es aber, weil ihr Großvater diese Schuld nie auf sich genommen hat, und sein Sohn auch immer nur davor davongelaufen ist. Also ist sie weder Opfer noch Täter, sondern nur die, die endlich das Schweigen bricht. Das soll sie, das muss sie, das ist unsere Aufgabe. Denn Schweigen bringt überhaupt nicht weiter, genauso wenig wie verteufeln.

SKIP: Die Lebenden war eine recht umfangreiche Produktion, du hast in Deutschland, Österreich, Rumänien und Polen gedreht - war der Film schwierig zu finanzieren?

Barbara Albert: Ja, schon, und lustigerweise war es am schwierigsten in Deutschland. Viele haben gesagt "Wir würden gerne mit Ihnen zusammenarbeiten, aber könnten Sie sich nicht ein anderes Thema aussuchen?" (lacht). Es gibt zwar durchaus viele Projekte, die sich mit dieser Zeit beschäftigen - aber anscheinend funktioniert das nur mit historischen Uniformen.

SKIP: Wahrscheinlich ist es auch für viele immer noch schwierig, sich auf eine junge weibliche Hauptfigur einzulassen.

Barbara Albert: Ja, vielleicht. Es fehlt die männliche Identifikationsfigur. Für Männer geht das anscheinend nicht so einfach, sich mit einer weiblichen Figur zu identifizieren, während es für uns Frauen überhaupt kein Problem ist, sich in einer männlichen Filmfigur wiederzufinden. Wir sinds ja gewöhnt (lacht).

SKIP: Ärgert es dich eigentlich, wenn du im 21. Jahrhundert immer noch gefragt wirst, wie du als Frau Kind und Karriere unter einen Hut bringen kannst?

Barbara Albert: Nicht, wenn Männer das auch gefragt werden. Und ich finde auch wichtig, zu sagen, dass es schwierig ist. Wir machen zuhause halbe-halbe, und das war immer klar, und ich finde, das sollte überall so sein. Oft sagen männliche Regisseure: "Wieso soll das schwer sein? Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie zu der Zeit, als die Kinder klein waren!" Und das ist so gemein. Weil man ja weiß, warum: Weil sie das Geschrei zuhause nicht hören wollten.

Interview: Gini Brenner / Oktober 2012

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