Seele und Tiefe

Interview mit Nora Tschirner zu Das Pferd auf dem Balkon

Als Mutter eines Asperger-Kindes ist Nora Tschirner in Das Pferd auf dem Balkon ein Musterbeispiel an Ruhe und Verständnis; Krallen zeigt sie nur bei Gefahr im Verzug. SKIP hat die quirlige Berlinerin in Wien getroffen.

SKIP: Hast du zum ersten Mal in Wien gedreht? Wie gefällt es dir hier?

Nora Tschirner: Ach, ich weiß gar nicht, ich bin so oft in Wien … ich hab ja Verwandte hier. Und ich hatte mich auch am Reinhard-Seminar beworben und habe Freunde aus der Zeit.  Also bin ich ein großer Fan der Stadt. Normalerweise habe ich so ein bisschen ein Problem mit hübschen Städten. Aber Wien ist nicht hübsch, sondern schön. Und ja, gedreht habe ich zum ersten Mal hier.

SKIP: Wie unterschiedlich ist die Arbeit eines österreichischen Filmteams zu jener eines deutschen?

Nora Tschirner: Nicht sehr. Am ehesten gab es noch Sprachbarrieren. Man hat mich ausgelacht am Set. Als ich Szenen mit meinem Filmkind mit dem Wort "Tschüssi" beendet habe, wurde ich verlacht und durfte es dann nicht sagen. Dafür musste ich Worte wie "Buben" verwenden, wofür mich mein gesamter deutscher Freundeskreis auslachen wird.

SKIP: Komödie ist eines deiner bevorzugten Genres. Wie lustig findest du den Wiener Schmäh?

Nora Tschirner: Den Wiener Schmäh finde ich saulustig. Ich bin ein riesiger Fan des österreichischen Humors und ein totaler Wolf-Haas- und Josef-Hader-Junkie.  Das ist so eine trockene, bitterböse Humorvariante, die gefällt mir sehr gut.

SKIP: Du hast immer schon viel im Genre Kinder- und Jugendfilm gemacht. Worauf achtest du da bei der Auswahl deiner Rollen?

Nora Tschirner: Ich mag Kinderfilme tatsächlich gerne. Es gibt ja auch wenige gute. Ich kann mich genau erinnern an die Filme, die mich als Kind beeinflußt haben und wie sehr ich die geliebt habe. Da freu ich mich dann, wenn man an sowas teilhaben kann. Es ist auch eine Ehre, weil man sich stark in den Köpfen von so kleinen Geschöpfen festbrennt. Wenn sich so eine Chance ergibt, bin ich immer total dabei. Ich möchte nämlich gerne die kommenden Generationen beeinflussen. Für meine Zwecke. Ich züchte mir die jetzt alle ran, und wenn ich irgendwann sage, was ich eigentlich vorhabe, sind sie mir schon alle hörig. Das ist sehr sinnvoll, deswegen mache ich ca. zwei Kinderfilme pro Jahr. Ist ein politisches Anliegen. Ernsthaft: Wichtig ist mir, dass ein Kinderfilm auch Erwachsenen gefallen muss und dass er Kinder ernst nimmt auf die gleiche Weise, wie ich das bei Erwachsenen haben möchte. Dass er schlaue Dialoge hat und eine Seele und eine Tiefe, darauf achte ich.

SKIP: Geld spielt eine zentrale Rolle in der Handlung von Das Pferd auf dem Balkon - es schafft die größten Probleme, löst diese aber auch. Wie stehst du dazu?

Nora Tschirner: Genau so. Ich habe gerade mein erstes eigenens Projekt fertig, eine Dokumentation über Äthiopien. Und ich bin mit meiner Band Prag derzeit sehr aktiv, wir haben soeben unser erstes Album produziert und ein eigenes Label gegründet und ich habe auch unser erstes Video gedreht. Das kostet alles  viel Geld. Also Reichtum ist nicht wichtig, aber Geld zu haben schafft einem natürlich Freiheiten, wie eben die Verwirklichung solcher Projekte.  

SKIP: In Das Pferd auf dem Balkon geht es auch um die Integration von Außenseitern. Hast du damit Erfahrungen?

Nora Tschirner: In der Schule gehört man ja immer entweder dazu, oder man ist ein Außenseiter. Ich habe beides erlebt. In der dritten, vierten Klasse war ich ein Außenseiter, später war ich dann sozial sehr gut eingebunden. Aber mich hat das immer sehr berührt, wenn Leute so außen standen, und die Schule ist da auch ziemlich hart. Das Etikett, das man dort kriegt, schleppt man dann jahrelang mit sich herum.

SKIP: Du bist allgemein eine sozial engagierte Künstlerin. Was sind deine Motive dafür?

Nora Tschirner: Ich bin in einem Land aufgewachsen, das nicht viel hatte außer sein starkes soziales Gefüge (DDR, Anm.). Das ist schon sehr prägend gewesen, weil man aus der Not heraus ganz anders für die anderen da sein musste, als wenn alles verfügbar ist. Ich kann einfach nicht die Augen verschließen vor der Tatsache, dass es noch Chancenungleichheit gibt in der Welt und im täglichen Leben. Und wenn man das weiß, hat man auch die Verantwortung, so viel wie möglich dagegen zu machen, finde ich.

Interview: cz / Oktober 2012

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.