"Bin der Jürgen."

Interview mit Jürgen Vogel zu Quellen des Lebens

Er hat schon die ärgsten Rollen gespielt und die ärgsten Preise gewonnen, aber in Berlin gibts keine Sonderbehandlung: Jürgen Vogel, 44, spielt in Quellen des Lebens fantastisch verändert den Kriegsheimkehrer und Wirtschaftswunder-Opa der Familie Freytag. SKIP traf ihn in Berlin.

SKIP: Ist dir Opa Freytag schwergefallen?

Jürgen Vogel: Es war schon wirklich schwer. Ich gehöre zu einer ganz anderen Generation. Allein dieses Alter zu spielen war eine Herausforderung. Oskar Roehler hat aber ein tolles Drehbuch geschrieben, in dem alles bis ins Detail skizziert war. Sein eigener Roman, der ja stark autobiographisch ist, war die Vorlage dafür. So gesehen stand sehr viel Hintergrundinformation zur Verfügung darüber, was er denn erzählen und welche Stimmungen er übertragen wollte. Und das hat mich so ein wenig durch die Dreharbeiten durchbegleitet.

SKIP: Musste man dir also keine Regieanweisungen mehr geben?

Jürgen Vogel: Nun, ich musste auf jeden Fall nicht immer alles vorher mit Oskar besprechen. Ich habe ihm gezeigt, was ich daraus mache, sozusagen meine Interpretation, und das hat hervorragend funktioniert. Oskar ist sehr direkt und sagt gleich, wenn ihm was nicht gefällt, und er hat im nächsten Moment eine neue Idee. Das war echt super.

SKIP: Opa Freytag ist einer von sehr vielen Charakteren im Film, die auch für sich allein eine gute Geschichte erzählen. Sonja Kirchberger als seine Schwester, Margarita Broich als Oma …

Jürgen Vogel: … oder Moritz Bleibtreu als 68er, bei dem sich herausstellt, dass seine Gattin die vielleicht begabtere Autorin ist. Das sind alles erzählenswerte Geschichten, darum ist der Film ja auch so lang.

SKIP: Quellen des Lebens erstreckt sich über mehrere Generationen …

Jürgen Vogel: Es ist im Grunde die Geschichte Deutschlands. Das sind sehr wichtige Kapitel, wie eine Generation seit dem Krieg in die nächste übergegangen ist, und da war es auch wichtig, dass sich die eine von der anderen abgrenzt und sich auflehnt, um eine neue Gesellschaft zu kreieren und Revolten zu machen, die wir ja alle hatten, zumindest die sanften. Und wie dann die Großeltern für das Enkelkind plötzlich wieder so wichtig werden … das ist ein schöner Bogen, finde ich.

SKIP: Welche Geisteshaltung steckt in deiner Figur, dem aus dem Krieg heimkehrenden Opa Freytag?

Jürgen Vogel: Wenn er nicht so ein verbissener, sturer und egozentrischer Alt-Nazi wäre, dann hätte er es nicht geschafft, aus der ehemaligen Ziegelei, oder was es war, eine so florierende Gartenzwerg-Fabrik zu erschaffen. Er war jahrelang weg, seine Schwester wendet sich von ihm ab und er verliert beinahe seine Frau. Dieses riesige Defizit, das der Krieg ihm da verursacht hat, macht er wieder wett, indem er zeigt, dass er sehr wohl für diese Familie noch so richtig sorgen kann. Seine Präsenz und seine Stetigkeit - und dass er den Sohn zum Glück auf seine Seite ziehen kann …

SKIP: Das ist eine sehr ernste Erklärung für etwas so Lustiges …

Jürgen Vogel: Natürlich ist das auch oft makaber und du musst darüber lachen. Ich mag das sehr, dass es eine sehr humoristische Form hat. Es ist wie das Leben: Es wechselt zwischen Drama und Komödie, in seiner Biederbürgerlichkeit und Spießigkeit ist es manchmal auch echt lustig.

SKIP: Du hast neben sehr vielen europäischen Preisen auch z. B. bei Robert De Niros Tribeca Film Festival gewonnen. Bist du ein Star?

Jürgen Vogel: Holt mich hier raus! Ne, Quatsch, ich bin der Jürgen. Ich weiß gar nicht, was ein Star …

SKIP: Wirst du erkannt auf der Straße?

Jürgen Vogel: Ja, ich werd schon erkannt, aber die Berliner sind da relativ cool. In Berlin haben schon immer Prominente gelebt, und der Berliner hat eine gesunde Haltung gegenüber "Berühmten" im Alltag, da kriegt keiner eine Sonderbehandlung.

Interview: Christoph Zeppetzauer / Januar 2013

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