Glaube, Liebe, Hoffnung

Interview mit Paul Thomas Anderson zu The Master

Lust aufs Unberechenbare: Paul Thomas Anderson schrieb mit The Master einen ungewöhnlichen, bildgewaltigen Film über die ersten Jahre von Scientology - und wagte es, einen der exaltiertesten Schauspieler Hollywoods zu engagieren: ein SKIP-Interview über Nacktheit, Dianetics und Joaquin Phoenix.

SKIP: Obwohl es im Film nicht explizit um ihn geht, handelt The Master doch sehr deutlich von L. Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology. Wie hat sich Ihre Einstellung gegenüber der Sekte durch die Arbeit an diesem Film verändert?

Paul Thomas Anderson: Wie wahrscheinlich jeder andere war ich neugierig und fand das ganze ziemlich merkwürdig. Aber je mehr ich darüber erfahren habe, desto mehr habe ich die Menschen verstanden, die sich dafür erwärmen können. Ich kann den prinzipiellen Reiz schon nachvollziehen, besonders in den frühen Jahren von Dianetics. Klar, Witze und Vorurteile haben alle schnell mal parat, aber wenn ich für einen Film recherchiere, muss ich herausfinden, was ich an einer Sache positiv und interessant finde. Filmemachen ist zu aufwendig und mühevoll, um sich nur über etwas lustig zu machen.

SKIP: Eine Szene, die ein Fest beim Master durch die Augen seines Schülers Freddie (Joaquin Phoenix, Anm.) zeigt, ist aber durchaus lustig: Da sind plötzlich alle Frauen nackt.

Paul Thomas Anderson: Ja, ich wusste, dass diese Szene entweder großartig oder total kindisch sein würde, und vielleicht ist es ja auch kindisch. Aber so sieht die Welt für Freddie aus: Er zieht jede Frau, der er begegnet, mit den Augen aus. Und im Grunde tun wir das ja alle (lacht). Ich kann Ihnen jetzt nicht einmal mehr in die Augen schauen, du meine Güte!

SKIP: Joaquin Phoenix hat den Ruf eines Exzentrikers. Wie war er am Set?

Paul Thomas Anderson: Großartig und sehr unberechenbar. Zwei Tage lang blieb er beim Drehbuch, und dann kam der dritte Tag, und er brachte alles durcheinander. Wir hatten nie das Gefühl, einfach etwas Vorgeplantes abzuspulen, bei dem man sich langweilt und um fünf nach Hause geht. Oft war seine erste Version einer Szene sehr gut, und dann, nur aus dem verzweifelten Bedürfnis, noch besser zu sein, versuchte er es noch zehnmal anders.

SKIP: Seine Kampfszenen wirken vor allem sehr realistisch …

Paul Thomas Anderson: Oh ja, das stimmt. Joaquin ist sehr stark, und wir hinter der Kamera schlossen schon Wetten ab, wie viele Stuntleute er diesmal umhauen würde. In einer Szene, die wir leider rausschneiden mussten, boxte er einen Typen nach dem anderen nieder. Er hat an diesem Tag acht der besten, härtesten Stuntleute Hollywoods degradiert zu zitternden Häufchen Elend.

SKIP: Er wirkt wie ein wilder Hund, der es hasst, an der Leine zu gehen.

Paul Thomas Anderson: Ja, oder es ist genau umgekehrt: Er liebt seine Leine, und geht brav bei Fuß - und dann wird er übermütig und zieht einen hierhin und dorthin, und beißt den ins Bein, der ihn an der Leine hat.

Interview: Magdalena Miedl / September 2012

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