Fleisch, Liebe, Knochenarbeit

Interview mit Jacques AudiardMatthias Schoenaerts zu Der Geschmack von Rost und Knochen

Der französische Kultregisseur Jacques Audiard (Ein Prophet) und das belgische Schauspiel-Schwergewicht Matthias Schoenaerts (Bullhead) sprachen im SKIP-Tête-à-tête über Der Geschmack von Rost und Knochen.

SKIP: Wie schwierig war es, Marion Cotillard davon zu überzeugen, eine Frau ohne Beine zu spielen?

Jacques Audiard: Lassen Sie es mich so sagen: Ich habe immer gewusst, dass wir eines Tages miteinander arbeiten würden (lacht). Und sie hat dann doch überraschend schnell zugesagt.

SKIP: Für die Rolle des Ali wollten Sie ursprünglich keinen professionellen Schauspieler haben. Warum?

Jacques Audiard: Bei meinem vorigen Film Ein Prophet arbeiteten viele Laiendarsteller mit, und da ich das sehr mochte, habe ich auch hier in Boxhallen und Sporthallen nach meinem Hauptdarsteller gesucht. Ich merkte aber bald, dass ich damit nicht weiterkomme: Es wäre für einen Anfänger einfach zu schwierig gewesen, an der Seite von Marion Cotillard zu spielen. Dann hat mir mein Castingdirektor den Film Bullhead gezeigt, der 2011 für den Auslandsoscar nominiert war, und in dem Matthias spielt. Ich habe ihn gesehen, und ich wusste: Den will ich haben!

Matthias Schoenarts: Ziemlich romantisch, eigentlich (lacht).

SKIP: Verändert es den Zugang zu einer Rolle, wenn man weiß, dass sie für einen "echten" Boxer gedacht war?

Matthias Schoenarts: Nein. Natürlich brauchte es eine spezielle physische Vorbereitung, aber davor hatte ich keine Angst. Im Gegenteil, das bringt mich erst in die richtige Verfassung, auch mental, also fand ich das richtig gut.

Jacques Audiard: Und ich habe meinen Darsteller zwar in Boxhallen gesucht, aber nicht aufgrund der Boxfähigkeiten, sondern aufgrund der speziellen körperlichen Ausstrahlung.

SKIP: Wenn Sie für eine Rolle so viel Gewicht und Muskeln zulegen müssen, ist das, als würden Sie sich das Kostüm erarbeiten?

Matthias Schoenarts: Nun, es hilft, eine Figur zu definieren. Ich mag es, mich intensiv vorzubereiten, ob durch körperliches Training oder indem ich etwas Neues lernen muss, ob es Klavierspielen ist oder Reiten. Die Vorbereitungszeit verbringt man da schon in der Rolle, und das ist Teil der Freude am Beruf.

SKIP: Ali, den Sie da spielen, tut nichts aus Mitleid, weder für seinen Sohn noch für seine Schwester. Was ist das Ihrer Ansicht nach für ein Kerl?

Matthias Schoenarts: Wir haben viel über ihn gesprochen und schnell festgestellt, dass jegliche psychologische Analyse in die Irre führt: Er tut nichts aus Kalkül, er urteilt über niemanden, und er reagiert instinktiv. Zärtlichkeit ist für ihn ebenso ein Reflex wie Brutalität. Wenn du ihn verarschst, haut er dir in die Fresse, aber wenn du Hilfe brauchst, wird er dir helfen. Er ist sehr direkt, und das ist schwierig zu spielen. Als Schauspieler versuchen wir unsere Rollen immer zu analysieren, bei ihm hingegen ist alles Instinkt: Etwas passiert, und er reagiert, ganz spontan und ehrlich und einfach. Er ist kein schlechter Kerl, er ist nicht bösartig - er ist einfach ein Rohling.

Jacques Audiard: In Wirklichkeit hat nicht er das Problem, sondern die Gesellschaft mit ihm.

Matthias Schoenarts: Er ist voller Emotionen, aber er hat nicht die Intelligenz, darüber zu reflektieren. Er ist nicht oberflächlich, wenn er nur Sex will, er kann sich einfach nicht vorstellen, dass eine Frau über das Körperliche hinaus Interesse an ihm haben könnte. Deswegen ist da auch nichts Ordinäres daran, wenn er zu Stephanie sagt: "Willst du ficken?" Wir, die wir wohl anders funktionieren, hätten vielleicht gerne die Direktheit dieses Typen, der fragt: "Hast du Lust? Ja? Gut, also los!" (lacht)

SKIP: In welcher Beziehung steht Der Geschmack von Rost und Knochen zu Ihrem Vorgängerfilm Ein Prophet?

Jacques Audiard:  Bei mir hat jeder Film auch seine dunklen Seiten, seine Frustrationen. Bei Ein Prophet hat mich frustriert, dass es in der Welt dieses Gefängnisses keine Frauen gab, keine Liebe, kein Licht, keinen Platz. Insofern hat dieser Film jetzt natürlich etwas damit zu tun, aus einer Dialektik heraus, als Gegenbewegung.

SKIP: Woher kommt dieser etwas seltsame Titel?

Jacques Audiard: So heißt eine der beiden Geschichten von Craig Davidson, aus denen ich das Drehbuch entwickelt habe. Der Geschmack von Rost und Knochen ist das, was man im Mund spürt, wenn man im Gesicht geschlagen wurde. Die zwei Geschichten von Davidson handeln beide von Männern, aber ich hatte nach Ein Prophet eben den Wunsch nach einem Film, in dem auch Liebe vorkommt. Also habe ich zwei Erzählungen kombiniert, und eine der Figuren zu einer Frau umgeschrieben.

Interview: Magdalena Miedl / September 2012

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.