Gold Is the Warmest Colour

Interview mit Adèle Exarchopoulos zu Blau ist eine warme Farbe

Diesen Namen sollten Sie sich merken: Adèle Exarchopoulos (19) ist die große Entdeckung von Cannes 2013. Gemeinsam mit Regisseur Abdellatif Kechiche und Co-Star Léa Seydoux bekam sie für La vie d'Adèle - Chapitre 1 & 2 die Goldene Palme, SKIP traf sie zum Exklusiv-Interview.

SKIP: Sie tragen im Film Ihren eigenen Vornamen. Hat Sie das nicht irritiert?

Adèle Exarchopoulos: Nein, gar nicht. Das hat sich ergeben, während wir improvisiert haben: Irgendwann hat mich Abdellatif gefragt ob es mir etwas ausmachen würde, meinen Namen auch im Film zu behalten. Adèle heißt auf Arabisch Gerechtigkeit, und in Verbindung mit der Rolle, die ich spiele, hat mir das sehr gut gefallen.

SKIP: In La vie d'Adèle gibt es viele sehr schöne, aber auch sehr explizite Sexszenen. Wie haben Sie die vorbereitet?

Adèle Exarchopoulos: Das war eine gewaltige Herausforderung: Ich habe Léa vorher nicht gekannt und hatte Sorge, ob das Ganze auch glaubwürdig wird. Es gab keine vorgegebene Choreographie, Abdellatif wollte alles möglichst realistisch haben, also haben wir uns einfach gehen lassen. Bei der ersten Sexszene sind wir aber aus dem Lachen nicht rausgekommen, wir waren beide schrecklich nervös. Ich sollte mich da selbst angreifen, und Léa kam dann dazu. Ich hatte die Augen geschlossen, und plötzlich schmiegte sie sich an mich mit ihrem Busen. Ich hab sie angeschaut, und wir sind beide losgeplatzt vor Lachen (kichert). Aber ich muss gestehen, ich geniere mich ein bisschen, wenn ich mir vorstelle, was sich die Zuschauer dazu denken. Solche Szenen waren im Kino ja praktisch noch nie zu sehen.

SKIP: Adèle weint viel im Film. Wie haben Sie das hingekriegt, gibt es da einen Trick?

Adèle Exarchopoulos: Abdellatif hätte mich gekillt, wenn ich Augentropfen verwendet hätte! Bei ihm muss alles echt sein, die Tränen, das Essen, sogar der Alkohol, den wir im Film trinken. Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch. Wenn ich also ich wusste, dass eine Szene bevorsteht, in der ich weinen sollte, habe ich mir eingeredet, dass ich garantiert versagen werde - bis ich so verzagt war, dass ich geweint habe (lacht). So einfach geht das!

SKIP: Als Sie diese Rolle angenommen haben, hatten Sie eine Ahnung, dass der Film so ein großes Echo in Cannes haben würde?

Adèle Exarchopoulos: Ich weiß, dass die Schauspielerinnen in Abdellatifs Filmen immer ihren gerechten Anteil an der Aufmerksamkeit bekommen, zum Beispiel Hafzia Herzi in Couscous mit Fisch (2007, César und Marcello Mastroianni-Preis an Herzi, Anm.) oder Sara Forestier in L'Esquive (2004, César an Forestier, Anm.). Also ja, es gab schon die leise Hoffnung, dass das vielleicht auch mir passieren könnte, dass alle auf mich aufmerksam werden durch diesen wunderschönen Film. Aber dass es so groß wird, hätte ich nicht erwartet.

SKIP: Kechiche sagt, dass er zwischen den Sexszenen und den Essensszenen keinen Unterschied sieht. Sehen Sie das auch so?

Adèle Exarchopoulos: Ich habe alle Szenen anspruchsvoll gefunden, nur eben auf unterschiedliche Weise. Bei den Sexszenen ist man eben nackt und geniert sich vor dem anderen Mädchen. Léa und ich haben uns vorher nicht gekannt, und ich hatte Angst, dass es vielleicht nicht glaubhaft wirkt. Es gab keine Choreographie, Abdellatif wollte das ganze realistisch haben, er wollte die Sprache der Haut, der Körper, des Gefühls, also haben wir uns einfach gehen lassen. Fordernd war es trotzdem.

SKIP: Haben Sie recherchiert, um zu sehen, was zwei Frauen alles miteinander anstellen können im Bett?

Adèle Exarchopoulos: Vor dem ersten Mal nicht, weil wir uns einfach vorgestellt haben wie zwei Mädchen miteinander zärtlich sind, das ist ja einfach. Aber Sexualität entwickelt sich weiter in einer Beziehung, also haben wir Positionen im Internet recherchiert. Wir waren total überrascht, was es da alles für Möglichkeiten gibt (lacht). Ich glaube, das war für mich einfacher, weil meine Figur ihre Sexualität erst entdeckt. Léas Figur ist ja erfahren, sie musste also die Zügel in die Hand nehmen.

SKIP: Adèle liest im Film La vie de Marianne von Marivaux, ein Lieblingsbuch von Kechiche. Das mussten Sie doch sicher auch lesen?

Adèle Exarchopoulos: Ich hätte es lesen sollen, aber ich habs nicht getan. Abdel hat mir gesagt, das sei total wichtig für die Rolle, und er wollte eine Zusammenfassung wie in der Schule. Aber sechshundert Seiten? Nach hundert hab ich aufgegeben, und ich kann mich an nichts erinnern. Und als Abdel mit mir darüber geredet hat, hab ich halt einfach nur genickt und ja gesagt (lacht).

Interview: Magdalena Miedl / Mai 2013

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