Kein Mitleid

Interview mit Haifaa Al-Mansour zu Das Mädchen Wadjda

Nach ihrer Dokumentation Women Without Shadow drehte Haifaa Al-Mansour Das Mädchen Wadjda - nicht nur ihr Spielfilm-Debüt, sondern der allererste Spielfilm überhaupt, der komplett in Saudi-Arabien realisiert wurde. Eine unglaubliche Leistung in einem Land, in dem Frauen nach wie vor Menschen zweiter Klasse sind.

SKIP: Die Geschichte von Wadjda ist sehr inspirierend - aber gerade als Mutter einer Tochter war es für mich auch schwierig, zuzusehen, wie ein Mädchen unter derart absurden Regeln aufwachsen muss.

Haifaa Al-Mansour: Die Situation in Saudi-Arabien verändert sich zum Glück immer stärker. Und es war mir wichtig, einen Film zu machen, in dem man erkennt, woher die Kraft für diese Veränderungen kommt, welche Menschen da mit ihrer Kraft und Unbeugsamkeit dahinterstehen - aber auch einen humorvollen Film über Vorbilder, kein hoffnungsloses Drama über Opfer. Ich wollte, dass sich die Zuschauer wirklich einlassen auf dieses Mädchen und ihre Geschichte, dass sie ihre Trauer, ihren Zorn und ihre Freude miterleben können.

SKIP: Es ist frappant, wie sich der Lebensstil dort und hier immer noch unterscheidet, wie wenig diese zwei Welten voneinander zu wissen scheinen - und das in unserem Informationszeitalter.

Haifaa Al-Mansour: Ja, aber auch das verändert sich, das sieht man sehr gut an Wadjda, die da ganz anders ist als ihre Mutter: Sie surft im Internet, steht auf Rockmusik … sie ist nicht passiv, sie ist herausfordernd und aktiv. Und darauf kommt es an: Es gibt in meiner Heimat so viel, was uns einengt, wir müssen diese Hindernisse überwinden. Es wäre so leicht für mich, einen Film über eine unterdrückte Frau zu machen, ein Opfer des Systems. Aber wie gesagt, ich will mit meinen Filmen kein Mitleid ernten, mir geht es darum, die Menschen - und insbesonders die jungen Frauen - zu inspirieren, die Welt zu verändern. Es ist hart für sie, in dieser restriktiven Welt aufzuwachsen, und man muss ihnen Beispiele geben, wie sie ihre Träume verwirklichen können, auch wenn diese Träume das genaue Gegenteil davon sind, was die Gesellschaft von ihnen will.

SKIP: Wie haben Sie Ihre großartige Hauptdarstellerin gefunden?

Haifaa Al-Mansour: Es war schwierig. Die anderen Darsteller sind ja allesamt Profis aus dem Entertainment-Business, viele kommen vom Fernsehen. Aber für Wadjda konnten wir lange niemanden finden. Das lag vor allem an der Natur der Rolle: Als sie hörten, worum es in dem Film geht, wollten viele Eltern auf einmal nicht mehr, dass ihre Tochter mitspielt. Ich hatte deutsche Produzenten, und Sie wissen ja, wie die Deutschen sind, da gehts immer um die richtige Planung (lacht), und dann hatten wir sieben Tage vor Drehbeginn noch immer keine Hauptdarstellerin! Die waren schon sehr verzweifelt. Und dann kam plötzlich Waad bei der Tür herein, sie trug Jeans, Converse und hörte Justin Bieber im Kopfhörer. Sie ist kein Kid der internationalen Community, spricht kein Wort Englisch. Sie ist ein ganz normales Mädchen aus Riad. Und ich fand das faszinierend, wie die globale Popkultur überall funktioniert. Überall auf der Welt ziehen Teenager das gleiche an, benehmen sich gleich, hören die gleiche Musik (lächelt). Es hat was sehr Verbindendes.

SKIP: Das Mädchen Wadjda ist der erste saudiarabische Kinofilm, der von einer Frau gedreht wurde. Das war sicher keine einfache Operation …

Haifaa Al-Mansour: Ja, vor allem logistisch war das oft hart. Dort, wo wir die Außenszenen gedreht haben, konnte ich als Frau nicht einfach auf der Straße meine Arbeit machen wie bei einer westlichen Filmproduktion, also bin ich neben dem Set in einem Kleinbus gesessen und hab mit den Schauspielern via Walkie-Talkie kommuniziert.

Interview: Gini Brenner / März 2013

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