Die Bildungswüste lebt

Interview mit Erwin Wagenhofer zu Alphabet

Nach We Feed the World und Let's Make MONEY geht Erwin Wagenhofer das Thema Bildung an - und fordert einen massiven Strukturwandel anstatt des Festhaltens an obsoleten Ideologien.

SKIP: Sie gönnen sich keine Auszeit von den richtig schweren Themen ...

Erwin Wagenhofer: Alphabet war das anstrengendste, das ich je gemacht habe. Aber mich hat schon immer am meisten interessiert, wie wir uns geistig ernähren. Eklatant wurde das Thema dann in der Endphase von Let's Make MONEY, wo die Finanzkrise schon absehbar war. Wir haben in London im Finanzdistrikt gedreht, dort huschen tausende Menschen umher, die alle ausnahmslos von den besten Unis dieser Welt kommen. Und diese - zumindest aus unserem System betrachtet - Besten der Besten bringen uns an den Rand des Abgrunds. Da hab ich mir gedacht, das schau ich mir an.

SKIP: Die Schule hat gerade begonnen -was halten Sie von: "Jetzt beginnt der Ernst des Lebens"?

Erwin Wagenhofer: Das wurde mir natürlich auch schon gesagt. Gemeinsam mit "den Kindern das Rüstzeug mitgeben" kommt das aus der Kriegswirtschaft. Vollidiotisch - es bedeutet, dass die Schulzeit ein Kampf wird. Wir haben zwar die Kriege halbwegs eingedämmt, aber in der Wirtschaft führen wir sie weiter. Schneller, weiter, höher ist aber nicht die Zukunft, die Zukunft liegt in der Qualität.

SKIP: Warum zeigen Sie im Film keine landläufig als positiv bewerteten Bildungsalternativen wie Rudolf-Steiner- oder Montessori-Schulen?

Erwin Wagenhofer: Wir haben zwar in einem alternativen Schultypus gedreht, aber das zu zeigen, birgt ein großes Problem: Zu dieser einen Methode hätten plötzlich alle gesagt: "Aaah, das ist es!" Aber diese eine richtige Methode gibts nicht.

SKIP: Wodurch zeichnet sich ein alternatives System Ihrer Ansicht nach aus?

Erwin Wagenhofer: Wir sollten ganz schnell weg vom Begriff Erziehung und hin zu Beziehung. Was bei uns, bei Ihnen und mir, aus der Schule hängengeblieben ist, was uns auch im späteren Leben weitergebracht hat, das kam immer durch eine Beziehung zustande, zu einem guten Lehrer, einem Onkel, irgendjemandem, der einen aufgemuntert hat, der ein außergewöhnliches Talent erkannt und gefördert hat. Nur ist das Drama im Schulsystem: Man muss auch durch die Fächer durch, für die man absolut kein Talent hat, mit denen man gequält wird. Und man muss sich den Energieaufwand vorstellen, der dafür draufgeht: Energie des Schülers, der Eltern, der Lehrer und wer da noch aller dranhängt. Das System schert alle über den selben Leisten. Dahinter steckt wiederum ein Bewertungssystem: Akademiker - gut, Gärtner - weniger gut. Dazu kommt dann noch ein Machterhaltungssystem: Ich bin Arzt, und mein Kind wird auch Akademiker. Aber: Wie viele Akademikerkinder gibts, die viel lieber Gärtner wären?

SKIP: Eine ganz grundlegende Systemänderung, bei den Ideologien die dahinterstehen - ich sehe da eine gewisse Ausweglosigkeit ...

Erwin Wagenhofer: Ich sehe es gar nicht ausweglos. Alphabet endet durchaus optimistisch: Sogar in der Wüste kann es blühen! Ich sehe den Film als Beitrag in dieser riesigen Debatte, die nicht mehr zu bremsen ist. Der Umschwung kommt nicht von der Politik. Der kommt von unten, teilweise von den Schülern selbst, von den aufgebrachten Eltern. Wir sind in einer Übergangszeit: Das Alte geht weg, und das Neue ist noch nicht da. Das ist eine sehr unangenehme Situation, die Angst und Unsicherheit erzeugt, aber wenn wir das hinter uns haben, und das kann ganz schnell gehen, dann gehts uns allen besser. Davon bin ich ganz fest überzeugt.

Interview: August 2013

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