Zukunftsrealist

Interview mit Ari Folman zu The Congress

Nach seinem oscarnominierten Animations-Kriegsdrama Waltz with Bashir hat Ari Folman noch eins draufgelegt. Und so fantastisch The Congress auch ist: Der Film hat einen bedrohlich realistischen Hintergrund, wie SKIP in Cannes erfahren hat.

SKIP: Gabs im Vertrag mit Hauptdarstellerin Robin Wright auch so viele Restriktionen wie in den Schauspielerverträgen, die im Film vorkommen?

Ari Folman: Nein, sowas gab es nicht. Sie ließ nie ein Wort verändern. Es war eine Freude, mit ihr zu arbeiten: Sie ist
sehr mutig und aufgeschlossen und vor allem eine wirklich extrem kluge Frau.

SKIP: Gibt es einen Grund, warum es keinen animierten Harvey Keitel gibt? Stand das in seinem Vertrag?

Ari Folman: Ja (lacht). Tatsache.

SKIP: Wie realistisch sind eigentlich die Scanning-Szenen? Haben Sie da echte Experten konsultiert?

Ari Folman: Ja, haben wir. Und das war eine ganz spezielle Erfahrung. Ich meine, das sind ganz andere Leute als wir beim Film. Die kommen von der Uni, sind nicht älter als vielleicht 22 und haben sooolche Gehirne (deutet mit den Händen einen riesigen Kopfumfang an, Anm.). Die bekommen tonnenweise Geld bezahlt, um solche Maschinen zu entwickeln wie man sie im Film sieht, die Branche investiert augenscheinlich Millionen. Ich habe ein paar Beispiele von dem gesehen, woran sie arbeiten - wenn ich nicht gewusst hätte, dass es sich um einen gescannten Schauspieler handelt, ich wäre nie draufkommen. Und das ist schon wieder zwei Jahre her!

SKIP: Im Film gehts auch um das Ende des Kinos, wie wir es kennen. Beunruhigt Sie der Gedanke?

Ari Folman: Ich bin kein Nostalgiker. "Früher hatten wir in Cannes viel mehr Spaß ..." werden Sie von mir nicht hören. Aber das Kino verändert sich zweifellos. Erstens spaltet es sich: Auf der einen Seite gibt es riesig budgetierte Sequels und Prequels von X-Man, Ironman, Zombieman oder was auch immer. Andererseits gibt es den Arthouse-Bereich - und diese Filme wird man in zehn Jahren nur mehr in Museen sehen können, weil es dafür keine geeigneten Kinos mehr geben wird. Man kann keinen Kaurismäki oder Jarmush im Multiplex spielen, das ist ein Witz. Tja, und zweitens hat sich das Regisseur-Handwerk total verändert. Es ist ein anderer Job geworden. Heute gibt es am Set keinen Druck mehr, man kann ja eh alles in der Post Production machen. Alles. Ich bin sicher nicht gegen Technologie, aber manchmal kann das leider zu traurigen Auswüchsen führen. In meinem Lieblings-SciFi-Film Blade Runner aus 1982 ist alles, was man im Film sieht, handgemacht - und dieser Film wird bis in alle Zeiten bestehen. Ganz egal, welche Technologien noch entwickelt werden, Blade Runner wird überdauern. Und letztes Jahr hat der gleiche Regisseur wieder einen Film gemacht. Mit unbeschränkten Möglichkeiten, er hatte alles Geld und alle Technik der Welt zur Verfügung. Und der Film ist total belanglos geworden. Das ist traurig.

Interview: Gini Brenner / Mai 2013

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