Zwentendorf, ja bitte!

Interview mit Rebecca Zlotowski zu Grand Central

Strahlende Aussicht. Rebecca Zlotowskis zweiter Film spielt in einem Kernkraftwerk - und das steht in Niederösterreich: Heimlicher Hauptdarsteller in Grand Central ist das stillgelegte Atomkraftwerk Zwentendorf.

SKIP: Warum spielt diese Amour Fou ausgerechnet in einem Kernkraftwerk?

Rebecca Zlotowski: Ein Kraftwerk ist eine perfekte Analogie für eine Liebesgeschichte. Die Strahlung funktioniert als Metapher für die Liebe, die auch aufregend, gefährlich, tödlich sein kann, denken Sie sich die Adjektive selbst dazu. Diese Idee gibt dem Film auch die Form: Wenn wir das Kraftwerk filmen, bleiben wir immer auf Augenhöhe. Der Bau ist 50 Meter hoch, ich hätte fantastische Aufnahmen machen können, aber die habe ich mir verboten, weil ich bei den Menschen bleiben wollte. Ich habe keinen politischen Zugang zur Kernenergie, keinen Umweltgedanken, sondern dachte rein formal: Was ist dieser Ort? Was erzählt er uns von der Megalomanie des Menschen, etwas so Künstliches zu bauen, das so gefährlich werden kann?

SKIP: Hatten Sie beim Filmen in einem realen Atomkraftwerk keine Angst vor der Strahlung?

Rebecca Zlotowski: Wir haben zwar in einem realen Kraftwerk gedreht, aber in einem das nie in Betrieb war, nämlich in Zwentendorf in Niederösterreich. Nach dem Bau wurde damals bekanntlich abgestimmt, die Österreicher stimmten dagegen, also steht es jetzt da, wie ein Museum. Heute wird es genutzt, um Arbeiter auszubilden. Und auch Leute von Greenpeace kommen dort hin, um sich für den Kampf gegen Atomenergie zu informieren. Das ist ein surrealer Ort, das Gebäude steht leer, es gibt nur einen einzigen Typen, der es verwaltet. Dieser Ort war für uns wie ein Wunder, ohne ihn wäre dieser Film wohl nicht möglich gewesen. Wir hätten nicht das Geld gehabt, das in einem Studio nachzubauen. 

SKIP: Hat der Atomunfall in Fukushima Ihr Filmprojekt verändert?

Rebecca Zlotowski: Er hat das Thema nicht verändert, aber vieles an Erfahrungen zugänglich gemacht, und bei den Arbeitern, bei denen ich recherchiert habe, wurde heftig diskutiert. Die Männer dort arbeiten gern in dieser Industrie, sie sagen, sie lieben ihren Beruf, vielleicht gerade weil sie wissen, dass es gefährlich ist. Das macht den Job wertvoller, und sie fühlen sich dabei frei. Ich könnte heulen deswegen: Wir lassen diese Leute einen so gefährlichen Job machen, weil wir meinen, ihre Haut sei weniger wert als unsere. Es ist okay, die werden vielleicht sterben, und dabei denken, dass sie frei sind. Und wir lassen sie in dem Glauben, dass das cool sei, verstehen Sie?

Interview: Mai 2013

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