Warten auf Beton

Interview mit Steven Knight zu No Turning Back

Autofahrer unterwegs: Die erst zweite Regiearbeit des Filmemachers (Hummingbird) und Millionenshow-Miterfinders Steven Knight ist ein formal und inszenatorisch aufregend minimalitisches Road-Movie um einen Mann (Tom Hardy) auf dem Weg in die Krise.

SKIP: Regisseure sagen uns oft, sie hätten vor Drehbeginn schon den ganzen Film in ihrem Kopf gehabt. Wie war das bei Ihnen? War Ihnen immer schon klar, wie No Turning Back aussehen würde?

Steven Knight: Ja, ganz genau. Was immer man auch schreibt, man muss den Film schon vor sich haben, visuell und akustisch. Dann versucht man beim Dreh, das Wirklichkeit werden zu lassen. Es gibt beim Filmemachen so viele Variablen, und die gilt es, so weit wie möglich zu minimieren, damit man die Vorstellung aus dem Kopf unmittelbar auf die Leinwand bekommt.

SKIP: Es ist ungewöhnlich, einen ganzen Film einem Mann zu widmen, dessen Aufgabe es ist, eine Betonlieferung zu überwachen.

Steven Knight: Sie meinen, weil das nicht so spannend klingt (lacht)? Wissen Sie, ich habe vor Jahren mal auf einer Baustelle gearbeitet, die Ankunft des Betons war jedes Mal ein heiliger Moment. Alles hatte vorbereitet zu sein. Wie bei einem Staatsbesuch. Wenn diese Laster daherkommen, darf nichts schiefgehen, sonst kostet das ein Vermögen. Wenn der Beton an die falsche Stelle gerät, muss alles wieder abgegraben werden. Ich habe Zeit mit dem Mann verbracht, der Lockes Job in Wirklichkeit gemacht hat - er war Bauleiter bei The Shard in London, diesem großen Glasturm. Man sieht dieses riesige Gebäude an und denkt sich: "Was, dieser unauffällige Mann hat das alles organisiert?" Und zwar alles, die Lastwagen, den Beton, alles. Der Architekt hat die Pläne entworfen, aber gebaut hat es er.

SKIP: Es braucht wohl spezielle Meschen, die in der Lage sind, so etwas zu machen.

Steven Knight: Ja, das ist harte Arbeit. Man muss knallhart und fokussiert sein. Und diese Leute lieben ihre Gebäude, die sind ihnen ein sehr persönliches Anliegen.

SKIP: Erinnert an Regisseure und ihre Filme …

Steven Knight: Das ist sehr ähnlich. Für mich ist Regieführen oft wie eine Militäroperation. Eine Person muss die Letztverantwortung tragen, wie auf einer Baustelle. Aber ich glaube, auf Baustellen geht es um einiges effizienter zu als bei Dreharbeiten (lacht).

SKIP: War es schwierig, diesen Film finanziert zu bekommen? Ich denke, es ist sicher nicht leicht, das einem Produzenten schnell zu vermitteln …

Steven Knight: Es war sogar überraschend leicht, weil Tom Hardy von Anfang an dabei war. Wenn es einem gelingt, mit so einem geringen Budget, wie wir es veranschlagt haben, einen derartigen Star für das Projekt zu gewinnen, dann ist das schon die halbe Miete. Ich wollte von Anfang an Tom dabeihaben, weil er möglicherweise der beste Schauspieler ist, den wir zur Zeit haben. Als es dann um die übrige Besetzung für die Telefonstimmen gegangen ist, haben wir ebenfalls danach getrachtet, die Besten zu bekommen. Wir gingen davon aus, dass sie uns einen Korb geben würden, aber es haben alle zugesagt: Ruth Wilson, Olivia Colman, Andrew Scott - lauter wirklich tolle Leute!

SKIP: Wie haben Sie das mit den Telefongesprächen so hingekriegt?

Steven Knight: Wir haben die in einem Konferenzraum in einem Business-Hotel direkt an der Londoner Außenringautobahn aufgenommen, in Echtzeit, von Anfang bis Ende. Die Telefongespräche sind echt, die Kameras draußen bei Tom im Auto sind währenddessen die ganze Zeit gelaufen. Alle 28 Minuten waren die Speicherkarten voll, da wurde alles fixiert, es wurden die Speicherkarten, Linsen und Perspektiven gewechselt, alles wieder aufgebaut und dann haben wir weitergemacht. Ich habe zu den Schauspielern gesagt, stellt euch vor, ihr spielt am Theater. Falls etwas schiefgeht, einfach damit umgehen und improvisieren! Wir haben weitergemacht und weitergemacht, auf einmal war es halb vier Uhr morgens, und alle wollten schon heimgehen. Aber wir hatten noch ein bisschen Speicherplatz übrig, noch einmal 28 Minuten, also haben wir die Kameras noch einmal laufengelassen. Und gerade dann, als alle schon komplett übermüdet waren, gab es die besten Ergebnisse.

SKIP: Mr. Knight, Sie haben mit kreativen Formaten schon öfter Erfolg gehabt - unter anderem sind Sie ja einer der Miterfinder der Show Who Wants to Be a Millionaire? (das britische Vorbild der Millionenshow, Anm.) …

Steven Knight: Ja, ich habe ein paar Jahre fürs Fernsehen in einer Produktionsfirma, die auch Gameshows gemacht hat, gearbeitet Wenn man einen Einfall hatte, konnte man den einfach im Büro vorschlagen. Und einige von meinen sind umgesetzt worden. Aber bei der Millionär-Sache hatte ich Glück, das ist nicht leicht.

SKIP: Woran liegt, glauben Sie, deren enormer internationaler Erfolg?

Steven Knight: Ich glaube, es liegt an der Dramatik. Wir haben ja nicht gewusst, ob es funktionieren würde. Als wir vor der Fertigstellung die Pilot-Folgen gedreht haben, da haben die Teilnehmer nicht aufgehört, wenn sie beispielsweise schon 64.000 Pfund gewonnen hatten, sondern sie haben weiter riskiert. Also haben wir uns noch mehr Sachen ausgedacht, um die Leute weiterspielen zu lassen. Einen Freund anrufen und so weiter. Und rein zufällig sind diese Anrufe zum Knüller geworden und haben Extra-Spannung hineingebracht.

Interview: Kurt Zechner / September 2013

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