Immer auf Wellenlänge

Interview mit Tom Hanks zu Captain Phillips

Der Held, dem man gerne vertraut: In Captain Phillips verkörpert Tom Hanks wiedereinmal unvergleichlich glaubwürdig den Normalo, der in einer Krisensituation aus lauter Bescheidenheit über sich selbst hinauswächst. SKIP hat mit ihm in Cancun gesprochen.

SKIP: Dieser Film wurde zum größten Teil tatsächlich auf hoher See gedreht - wie gings Ihnen damit? Ist es Ihnen gelungen, Ihren inneren Seebären zu entdecken?

Tom Hanks: Klar, das musste ich mehr oder weniger gleich am ersten Drehtag! Anders als unsere Filmfiguren sind wir zwar jeden Abend wieder in den Hafen von Malta, wo die Crew stationiert war, eingelaufen - aber untertags waren wir eben auf See. Man sollte ja glauben, dass so ein Riesenschiff halbwegs ruhig auf dem Wasser liegt, aber das ist überhaupt nicht so. Zum Glück wurde ich nicht seekrank, und die Crew wars auch nicht. Obwohl, wirklich hart wurde es ja dann erst mit den Szenen im Rettungsboot. Das meiste davon haben wir zwar im Studio gemacht, das ging noch, aber als wir im echten Rettungsboot gedreht haben - da gabs nicht wenige Drehtage, an denen mindestens einem von uns das Catering wieder aus dem Gesicht gefallen ist (lacht). Wir mussten da immer aufpassen, wenn einer begonnen hat, grün zu werden, dass wir den Shot schnell genug in den Kasten bekamen, bevors zu spät war. Alles in allem waren die Meer-Szenen wirklich sehr beeindruckend und aufregend, man hat gemerkt, dass sowohl Regisseur Paul Greengrass als auch Kameramann Barry Ackroyd viel Erfahrung mit Dokumentarfilmen haben. Die meisten würden sowas ja in Culver City, L. A.  in der Soundstage drehen, und das größte Abenteuer für uns Schauspieler wäre dann, die richtige Autobahnabfahrt auf dem Weg zum Studio nicht zu verpassen.

SKIP: Captain Phillips wird in der Krise zum echten Helden - wie krisenfest sind Sie selber eigentlich?

Tom Hanks: Wissen Sie, das Tolle ist, solche Filme sind für mich ein regelrechtes Krisen-Training. Ich hab mir etwa in einer schwierigen Situation schon öfter gedacht "Was würde wohl Apollo-13-Astronaut Jim Lovell jetzt tun?" Und was Richard Phillips macht, erfordert ja auch ganz besondere Talente: Unsereins nimmt ja an, dass die Beförderung von Containern keine besonders schwierige Sache ist. Aber jemand wie Captain Philips muss enorm viel von Logistik verstehen, von Technik - und von Menschen. Schließlich ist er verantwortlich für die Besatzung und die Disziplin auf dem Schiff. Und seine Menschenkenntnis hat ihm auch bei der Geiselnahme geholfen. Es ist ihm gelungen, die vier Piraten ausschließlich auf seine Person zu konzentrieren - und ihnen das Gefühl zu geben, dass er irgendwie auf ihrer Seite steht, dass er ihnen helfen würde, zu bekommen, was sie wollen, aber Zeit braucht, um herauszufinden, wie. Und solche psychologischen Mechanismen kann man gut in einer Krise verwenden. Andererseits war ich persönlich noch nie in einer realen Krisensituation, in der es durchaus wahrscheinlich ist, von einem somalischen Piraten mit einer AK-47 erschossen zu werden. Also rede ich mir da wohl ziemlich leicht.

SKIP: Haben Sie den echten Captain Phillips kennengelernt? Was hat er dazu gesagt, als er erfahren hat, dass Sie ihn spielen würden?

Tom Hanks: Es war recht interessant. Er ist ja selbst sowas wie eine Celebrity, sein Buch ist ein Bestseller, er hat den US-Präsidenten getroffen, all das. Als ich ihn das erste Mal getroffen habe, hab ich zu ihm gesagt: "Wissen Sie, wir werden jetzt eine dramatisierte Version von dem, was Sie durchgemacht haben, auf Film bannen. Ich werde sicher viele Sachen sagen, die Sie so nie gesagt haben und Dinge tun, die Sie ganz anders getan haben. Aber es ist immer noch die gleiche Geschichte!" Und er hat das total verstanden. Ich meine, er hat ein Buch darüber geschrieben, und Menschen, die mit dabei waren, haben danach gesagt, es wäre alles ganz anders gewesen. Jeder einzelne erlebt eine Situation anders, und wir haben jetzt zu diesem Mikrokosmos noch eine Perspektive hinzugefügt. Jedenfalls will ich eines über Richard sagen: Er ist ein Seemann. Das ist sein Beruf, nicht irgendein Hobby. Wenn man ihn fragen würde: "Stehst du jemals an der Reling, starrst auf den Horizont und überlegst dir, wo du einmal hingehen wirst?", dann würde er voraussichtlich antworten: "Würde ich ja gerne, aber vorher muss ich noch Deck D inspizieren!" Er hat am Schiff fast sein Leben verloren, fährt aber nach wie vor regelmäßig zur See. Er ist ein unglaublich pragmatischer Typ, der aber auch sehr stolz ist auf das, was er macht. Sicher wärs ihm lieber, er wäre nie von somalischen Piraten entführt worden, aber es ist halt nun mal passiert, jetzt kann ers auch nicht mehr ändern.

Interview: Kurt Zechner / April 2013

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.