Einer für alle

Interview mit Christian Bale zu Auge um Auge

Nach American Hustle sehen wir Christian Bale in Auge um Auge gleich in der nächsten Hauptrolle. Im Interview ist der vielbeschäftigte 40er gesprächig wie selten - und plaudert entspannt übers Älterwerden und Filmpreise, die man nicht bekommt.

SKIP: Gerade haben wir Sie in der Komödie American Hustle gesehen, nun im beinharten Drama Auge um Auge. Wie unterscheidet sich lustig und ernst für Sie als Schauspieler?

Christian Bale: Wenn eine Rolle lustig ist, heißt das auf jedenfall nicht, dass ich sie deshalb weniger ernst nehme. Es heißt auch nicht, dass das Thema deshalb "leichter" ist. Ich glaube, es gibt keine einzige Situation im Leben, in der es keinen Humor gibt. Es gibt nur die Entscheidung, auf welche Weise man die Gechichte erzählen will. Man hätte American Hustle auch ganz ernsthaft machen können, und in der Story von Auge um Auge gäbe es jede Menge Humorpotenzial. Und außerdem: Das klingt jetzt vielleicht ein wenig pervers, aber sehr oft geht es gerade auf den Sets der tragischsten Filme am lustigsten zu. Weil man als Mensch diesen Ausgleich braucht. Daher kommt auch der Galgenhumor. Es gibt Situationen, in denen man lachen muss, weil man sonst nicht mehr weiterleben möchte. Generell sind Menschen jedenfalls verdammt witzig.

SKIP: Ist Auge um Auge für sie ein Rachedrama?

Christian Bale: An der Oberfläche schon. Aber was ich an Regisseur Scott Cooper so besonders schätze, ist, dass er dem Publikum seine Message nicht ins Gesicht knallt, er lässt sehr viel Raum für eigene Interpretationen. Meine Filmfigur ist ein Mann, der immer alles richtig macht, immer für andere da ist. Und dann sieht er sich vor die Entscheidung gestellt, ob er Gewalt anwenden soll oder nicht - und das, obwohl er jemand ist, der Gewalt ablehnt, der sogar beim Jagen gehen - eine Tätigkeit, die dort, wo er lebt, selbstverständlich ist - den sicheren tödlichen Schuss nicht abgibt. Wird es ihm also helfen, wenn er nun Gewalt einsetzt? Löst Gewalt jemals irgendetwas? Die Antwort, die im Film gegeben wird, finde ich faszinierend, und hebt ihn über einen normales Rachedrama hinaus, finde ich. Es ist durchaus auch ein Statement zur gesellschaftlichen Situation in den USA: Es geht auch um die Frage, warum wir dort zwar moralische Werte wie Loyalität, Fleiß und Ehre hochhalten, aber nicht die Menschen, die auch nach diesen Werten leben. Warum sind die, die in dieser Gesellschaft die Gewinner sind, genau die, die diese Werte verachten, nur nach persönlichem Gewinn streben und dabei ohne Bedenken das Leid anderer in Kauf nehmen? Banker, Versicherer, Manager … die ruinieren tausende Leben und gelten als Erfolgstypen.

SKIP: Ihre Filmfigur ist ein Mann, der sein ganzes Leben lang seinem Geburtsort die Treue hält. Könnten Sie sich das vorstellen?

Christian Bale: Nein, das ist eine geradezu exotische Vorstellung für mich. Ich bin mein ganzes Leben immer wieder umgezogen, ich fühle mich nie Orten verbunden, immer nur Menschen.

SKIP: Sie haben am 30. Jänner Ihren 40er gefeiert. Ein Meilenstein?

Christian Bale: Es war vor allem überraschend für mich, dass ich schon so alt bin (lacht). Früher habe ich geglaubt, dass ich mit dem Alter schon weiser, erwachsener sein würde. Aber Sie wissen ja, wie das ist: Wenn man 15 ist, erscheinen einem 40-jährige uralt. Aber wenn man dann selber mal dieses Alter erreicht, erkennt man, dass das ganz und gar nicht so ist. Ich bin jetzt selber Vater, und ich liebe es, meine Tochter jeden Tag zu sehen. Man lernt jeden Tag etwas neues. Aber ich bin ein bisschen enttäuscht, wie wenig es insgesamt bisher war. Als ich 20 war, habe ich gedacht, dass ich mit 40 alles begriffen haben würde, und mich nichts mehr erschüttern würde können. Und ich bin immer noch genauso verwirrt und suche nach Antworten wie eh und je.

SKIP: Sie sind für American Hustle als bester Hauptdarsteller oscarnominiert, eine von insgesamt 10 Nominierungen für den Film - was bedeutet das für Sie? (Das Interview fand vor der Oscarverleihung statt, Anm.)

Christian Bale: Das ist eine wundervolle Sache, keine Frage! Aber man sollte darüber nie vergessen, dass es zwischen Künstlern keinen Wettbewerb geben sollte. Wir sollten uns alle gegenseitig unterstützen. Wenn man sich unbedingt einen Preis wünscht, dann heißt das ja nichts anderes, als dass man glaubt, besser zu sein als die anderen. Und ich werde das nie machen, es wäre schlicht dumm. Es gibt so viele hochbegabte Schauspieler, und die meisten von ihnen sind nicht oscarnominiert. Ab einem gewissen Level gibt es sowas wie den "Besten Schauspieler" einfach nicht. Es gibt nur unterschiedliche Schauspieler.

Interview: Gini Brenner / Februar 2014

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