Dance Revolution

Interview mit Ken Loach zu Jimmy's Hall

Unterdrückung beginnt immer bei der Freiheit des Einzelnen - auch wenns nur um Harmlosigkeiten wie Tanz und Lebensfreude geht: Ken Loach im Interview zu Jimmy's Hall über die Taktlosigkeiten von Kirche und Politik.

SKIP: Sind Linke die besseren Tänzer?

Ken Loach: (lacht) Ja, ziemlich sicher. Auf jeden Fall haben sie die bessere Musik. Und die besseren Witze.

SKIP: Ihre Hauptfigur benutzt ja die Musik und den Tanz direkt als politische Ansage …

Ken Loach: Ja, absolut. Damals gab der Priester die Regeln vor - und der Jazz und der Tanz waren absolut verboten. Tanz war ein Ausdruck der Freiheit und als solcher ziemlich subversiv. Trotz aller Fröhlichkeit war Jimmy und seinen Freunden ja von Anfang an klar, dass der Priester ihr Gegner sein würde. Naiv waren diese Leute nicht.

SKIP: Diese Anti-Jazz-Kampagne von Seiten der Kirche, die man im Film sieht, die gab es wirklich in der Form?

Ken Loach: Ja, das ist historisches Faktum, es gab damals regelrechte Argumentations-Listen von der Kirche für die Priester, wenn sie von der Kanzel gegen den Jazz wettern sollten.

SKIP: Jimmy's Hall spielt in den 1930er-Jahren. Welche Gültigkeit hat diese Geschichte für Sie heute noch?

Ken Loach: Während wir hier sitzen, werden in Nigeria junge Frauen gefangengehalten, weil sie in die Schule gehen wollten. Malala in Pakistan wurde aus dem gleichen Grund in den Kopf geschossen. Ai Weiweis Atelier in China wurde zerstört. Chelsea Manning in Amerika wird angeklagt, weil er die Lügen der Geheimdienste verraten hat ... Vielerorts wird auch heute Zugang zu Bildung und Freiheit verhindert. Außerdem leben wir ein bisschen in einer ähnlichen Zeit, damals gabs ja auch einen großen Börsenkrach, und die extreme Rechte wird auch heute überall stärker.

SKIP: Nur die Macht der katholischen Kirche hat doch signifikant abgenommen …

Ken Loach: Ja, und Religion sollte endgültig zur Privatangelegenheit werden für Leute, die daran glauben wollen. Ich selbst glaube nicht an Gott, aber wenn das wer möchte, ist das total ok. Nur sollten Kirche und Staat wirklich in jeder Beziehung voneinander getrennt werden. Religion hat keinen Platz in einer demokratischen Regierung.

SKIP: Sie machen seit vielen Jahrzehnten sehr politisches Kino. Glauben Sie, dass Ihre Filme etwas verändern können?

Ken Loach: Nicht sehr viel. Der politische Diskurs wird von den Massenmedien und den Politikern bestimmt. Für alle anderen ist es sehr schwierig, sich da einzuschalten. Ich bin nur eine kleine Stimme irgendwo in der Ecke.

SKIP: Ist das nicht langsam frustrierend?

Ken Loach: Nein, eigentlich gar nicht! Durch meine Arbeit treffe ich so viele Leute, deren Engagement wirklich inspirierend ist. Die sind alle so positiv, so voller Leben. Die Menschen geben mir die Energie für meine Filme, nicht umgekehrt.

Interview: Kurt Zechner / Mai 2014

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