Schöner sterben mit Heinrich

Interview mit Jessica Hausner zu Amour fou

In Cannes war Jessica Hausner mit Amour fou zu Gast in der Reihe Un Certain Regard, nun eröffnet ihr Film die VIENNALE: Amour Fou ist ein absurdes Historienstück über einen Doppelselbstmord aus falsch verstandenem Pathos.

SKIP: Ist es Ihnen wichtig, dass Heinrich von Kleist und Henriette Vogel tatsächlich existiert haben?

Jessica Hausner: Nicht sehr. Natürlich habe ich mich inspirieren lassen von dem, was ich über die beiden gelesen habe, und ich habe genau recherchiert, um auswählen zu können welche historischen Fakten für mich wichtig sind. Aber Amour fou ist kein biografischer Film über Kleist und auch kein authentischer historischer Film. Ich wollte eine künstliche Welt erschaffen, in der ich eine allgemeingültige Geschichte erzähle.

SKIP: Wo liegt für Sie der Reiz?

Jessica Hausner: Darin, dass ein Doppelselbstmord aus Liebe ja nur schiefgehen kann, denn jeder stirbt für sich alleine. Der Film handelt davon, dass die Menschen grundsätzlich voneinander getrennt sind, jeder hat seine eigene Wirklichkeit. Das romantische Bild der Liebe, der absoluten Zweisamkeit, ist in der Realität schwer aufrechtzuerhalten.

SKIP: Würde man nur die Inhaltsangabe lesen, wäre dieser Film eindeutig eine Tragödie. Woraus entstand Ihr Wunsch, das als Komödie zu erzählen?

Jessica Hausner: Aus der Absurdität, dass Kleist verschiedene Menschen gefragt hat, ob sie mit ihm sterben wollen: zuerst seinen besten Freund, dann seine Cousine Marie. Und dann hat er diese Henriette gefunden, die geglaubt hat, sterbenskrank zu sein und deswegen eingewilligt hat. Diese Austauschbarkeit des Menschen, mit dem man aus Liebe sterben will, fand ich witzig, denn in diesem Moment funktioniert das ganze das Konzept der wahren Liebe nicht mehr. Und damit wird die Halbherzigkeit der menschlichen Existenz deutlich. Die Sehnsucht nach Absolutheit und wahrer Liebe ist zutiefst menschlich und zugleich völlig lächerlich.

SKIP: Dabei ist es doch ein beruhigender Gedanke, dass man nicht die einzig wahre Liebe finden muss, weil es viele Varianten gibt, glücklich zu werden.

Jessica Hausner: So sehe ich das auch. Die Gefühle, die wir haben, sind veränderbar und beeinflussbar, viel mehr als wir das wahrhaben wollen und oft auch uns selbst nicht verständlich.

SKIP: In dem Gedicht, das Heinrich seiner Henriette zum Abschied schreibt, klingt er wie ein pathetischer 14-Jähriger.

Jessica Hausner: Das habe ich mir auch gedacht, und das hat mich auch ermutigt, diesen Blickwinkel zu finden. Dieses Gedicht ist tatsächlich von Kleist, das ist also nicht alles großartig und genial. Ich bin auch ganz sicher, dass er auch nur ein Mensch war.

Interview: Magdalena Miedl / September 2014

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