Abel der Welt

Interview mit Abel Ferrara zu Pasolini

Weder bei der Arbeit noch privat ist Regielegende und notorisches Enfant terrible Abel Ferrara ein Freund der noblen Zurückhaltung. Um so erfreulicher für seine Gesprächspartner: SKIP traf ihn beim Filmfestival von Venedig, wo Pasolini im Wettbewerb lief.

SKIP: Woran erinnern Sie sich am liebsten, wenn Sie an Pasolini und seine Zeit denken?

Abel Ferrara: Dass ich jung war (lacht). In den frühen 1970ern habe ich selber begonnen, Filme zu machen. Es war eine großartige Zeit für das Kino. Pasolini, Fellini, französische, deutsche, italienische Filme - das waren auch in den USA Blockbuster damals, das kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen. In Originalfassung mit Untertiteln! Heute wäre das unvorstellbar. Filme zum Mitlesen! Ich finde es übrigens grausam, dass ihr so viele synchronisierte Filme sehen müsst. Da hört ihr ja nie die echte Stimme des Schauspielers, seine Atmung, seine Intonisation! Ich würde mir nie einen synchronisierten Film anschauen. Niemals.

SKIP: Was hat sie an Pasolini so fasziniert?

Abel Ferrara: Alles. Ich habe seine Bildsprache gesehen und mir gedacht: Heilige Scheiße. Er war einfach der Größte. Vielleicht ist das, weil wir beide Italiener sind, dass ich mich ihm so nahe gefühlt habe. Ich wurde ja in sehr italienischer Tradition erzogen, mein Großvater kam 1900 aus Neapel nach Amerika und hat sein Leben lang kein Wort Englisch gesprochen.

SKIP: Dafür spricht Willem Dafoe als Pasolini Englisch, obwohl viele Figuren im Film Italienisch sprechen.

Abel Ferrara: Naja, klar, was denn sonst, wie sollte Willem denn Italienisch sprechen?

SKIP: Nun, er ist Schauspieler.

Abel Ferrara: Und deshalb soll er automatische eine Fremdsprache sprechen können? Soll er die Worte lautmalerisch nachmachen oder wie stellen Sie sich das vor?

SKIP: Nun, andere lernen Sprachen - Viggo Mortensen zum Beispiel ist bekannt dafür, in vielen verschiedenen Sprachen zu filmen.

Abel Ferrara: Ach, was lernt der denn schon. Wollen Sie mich verarschen? Der klingt doch immer wie ein Ami, egal was er sagt! Ein Schauspieler muss sich in der Sprache zuhause fühlen, deren Geist und Bedeutung wirklich verstehen können. Er muss in seiner Muttersprache spielen, und ich muss in meiner Muttersprache Regie führen. Scorsese und DeNiro könnten doch auch keine Filme auf Französisch zusammen machen.

SKIP: Pasolinis Tod ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Sie haben Pino Pelosi getroffen, der als sein Mörder verurteilt wurde und neun Jahre im Gefängnis saß - konnten Sie das Geheimnis etwas lüften?

Abel Ferrara: Ach was. Der Typ ist eine kleine Nummer, ich habe schon Hunderte von der Art kennengelernt. Ein durchschnittlicher Straßengauner, der Glück hatte. Er war 15 Jahre alt damals, stand an einer Straßenecke und wartete auf sein nächstes Opfer, das er ausnehmen könnte. Und wissen Sie was? Er nimmt Pasolini bis heute aus. Er macht immer noch Geld mit der Geschichte. Aber für mich ist der Typ wertlos, für fünf Dollar würde der doch alles sagen was man hören will. Er hat den Mord schon in sechs verchiedenen Versionen erzählt. Mit mir hat er geredet, als wäre er Filmproduzent. Hahaha, was für ein Idiot. Er steht da in seinem orangen Arbeitsanzug, er bewässert nämlich Pflanzen neben der Autobahn, und will mir erklären, wie man einen Film dreht. Ich kenne 100 von der Art. Was ich von ihm wissen wollte, waren vor allem die Details: Was sie gegessen haben, worüber sie sich unterhalten haben an dem Abend.

SKIP: Sie haben viele Zeitzeugen getroffen und auch an Originalschauplätzen gedreht.

Abel Ferrara: Ja, und wir hatten auch viele Requisiten, die wirklich ihm gehört haben. Das Medaillon, das Willem trägt, war zum Beispiel wirklich das, das Pasolini um den Hals hatte, als er starb. Und das Buch, das man sieht, war wirklich seins, mit seiner Handschrift. Ach, es ist eine Tragödie, dass er nicht mehr am Leben ist. Das Faszinierende ist, dass keiner, der ihn persönlich getroffen hat, auch nur ein schlechtes Wort über ihn zu sagen hat. Der Mann war ein Heiliger. Stellen Sie sich mal vor, was sie über mich alles zu hören bekommen würden.

Interview: September 2014

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