Iren sind menschlich

Interview mit Brendan Gleeson zu Am Sonntag bist du tot

Nach dem grandiosen The Guard präsentiert das irische Urgestein Brendan Gleeson seine zweite Zusammenarbeit mit John Michael McDonagh: Am Sonntag bist du tot, die Geschichte eines Priesters, der erfährt, dass ihn jemand ermorden will.

SKIP: Nehmen Sie gerne anderen die Beichte ab?

Brendan Gleeson: Ja, sehr gerne. Und ich erzähle nie etwas weiter. Ihre Sünden sind Ihnen übrigens vergeben (lacht).

SKIP: Wie wichtig war die katholische Kirche in Ihrem Leben?

Brendan Gleeson: Da muss ich gleich mal was vorausschicken: Ich habe diesen Film nicht gemacht, um meine persönlichen Erfahrungen mit der Kirche oder Religion zu verarbeiten, und ich glaube auch, dass mir das dann als Voreingenommenheit ausgelegt werden würde. Daher will ich da jetzt auch gar nicht groß drauf eingehen. Also nur ganz kurz: Ja, ich wurde katholisch erzogen.

SKIP: In Am Sonntag bist du tot spielen sie einen Priester, der ein zwar schroffer, aber wirklich guter Mann ist. Heutzutage ist das ja schon fast sowas wie eine Provokation …

Brendan Gleeson: Stimmt, die Kirche und ihre Vertreter sind zur Zeit wenig angesehen. Deshalb wäre es uns auch zu einfach gewesen, einen Film über einen miesen Priester zu machen.

SKIP: Wie war es, sich selbst als Priester zu sehen?

Brendan Gleeson: Ich musste da an einen Priester denken, den ich als Kind kennengelernt habe. Der war ein wirklich, wirklich guter Mensch. Dummerweise hat er sich später umgebracht … Als ich das Messgewand zum ersten Mal anprobiert habe, hat es sich angefühlt, als würde ich einen Panzer anziehen. Den Panzer des Guten, sozusagen. Es wog wirklich schwer auf mir. Weil es mich fühlen ließ, wie es ist, wenn man sich bereit erklärt, sein Leben für eine bestimmte Sache zu geben. Das tun ja nicht nur Priester. Auch Eltern machen das. Man bringt Leben in die Welt, und für dieses Leben setzt man sein eigenes ein, ohne jemals daran zu zweifeln. Es ist faszinierend, wenn man sieht, was Leute alles tun, wenn es um Dinge geht, die ihnen wichtiger sind als das Leben. Da bekommt dann auch der Spruch „Erst dein Tod definiert dein Leben“ erst seine richtige Bedeutung.

SKIP: Sie spielen in einer sehr intensiven Szene, in der Sie einen Serienmörder im Gefängnis besuchen, gemeinsam mit ihrem eigenen Sohn, Domhnall (der nächstes Jahr in Star Wars: Episode VII zu sehen sein wird, Anm.). Wie war das?

Brendan Gleeson: Spannend. Regisseur John Michael McDonagh wollte ihn erst gar nicht casten, weil wir verwandt sind, aber er war dann einfach zu gut. Und wir haben wirklich super zusammengearbeitet. Es hat sich überhaupt nicht angefühlt wie ein Vater-Sohn-Ding, ich habe beim Spielen total vergessen, dass ich da meinem eigenen Sohn gegenüberstehe. Er ist auch mittlerweile ein echt toller Schauspieler, der gut ohne meinen väterlichen Rat auskommt.

SKIP: Die Welt sieht Sie als "typischen Iren" - wie ist Ihr tatsächliches Verhältnis zu Ihrem Vaterland?

Brendan Gleeson: Momentan fällt es mir schwer, das Vertrauen in dieses Land zu bewahren. Wir wurden von unserer Regierung belogen und betrogen, ich kann das nicht anders sagen, und ich hatte die Dinge, die ich an Irland so schätze, ein wenig aus den Augen verloren. Allerdings bin ich voriges Jahr als Musiker durchs Land gezogen, zum ersten Mal seit 30 Jahren, und das hat mich dann doch wieder ein wenig versöhnt. Ich habe so viel Herzlichkeit und Großzügikgeit erlebt und musste mir eingestehen: Ich steh einfach unheilbar auf diese Insel. Ich liebe sie, auch ihre schlechten Seiten. Für die wir ja leider mittlerweile nicht mehr den Briten die Schuld geben können.

SKIP: Ihr Father James glaubt trotz allem, was er erlebt hat, an einen gnädigen Gott. Woran glauben Sie?

Brendan Gleeson: Eine schwere Frage. Gerade momentan fühlt man sich ja fast so verlassen wie Jesus auf Golgatha. Kirche, Politik, Wirtschaft, alle versagen und suchen nur ihr eigenes Heil. Keiner glaubt mehr an Helden. Man glaubt gar nicht mehr, dass es überhaupt sowas wie Führungsqualitäten gibt. Ich habe aber trotz allem immer noch Vertrauen an das Gute im Menschen. Kurt Zechner

Interview: Kurt Zechner / Februar 2014

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