Hinter den Kulissen

Interview mit Edward Norton zu Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Einst galt er als bester Jungschauspieler seiner Generation, dann wurde es nach ein paar persönlichen Krisen bedenklich ruhig um ihn - doch Edward Norton, mittlerweile 45, gehts heute besser denn je. In Alejandro González Iñárritus Birdman spielt er mit viel Mut zur Selbstironie einen besessenen Method Actor, SKIP traf ihn in Venedig.

SKIP: Sie gelten bei Ihren Rollen als extrem wählerisch, was hat Sie gerade an diesem Projekt fasziniert?

Edward Norton: Viele Dinge. Zunächst einmal habe ich beim Lesen des Skripts unendlich viel gelacht. Und meine Filmfigur verkörpert einfach so treffend, was sehr viele Leute durchmachen und was gemeinhin Midlife-Krise genannt wird. Diese Verstörung, wenn man irgendwann mal draufkommt, wie weit sich das eigene Leben von der Idealvorstellung von sich selbst entfernt hat.

SKIP: In Birdman liegt der Vergleich zwischen der Hauptfigur und Batman nahe - schon wegen Michael Keaton. Dazu kam Ihre Superhelden-Vergangenheit mit The Incredible Hulk, The Amazing Spider-Man-Darstellerin Emma Stone spielt auch eine wichtige Rolle …

Edward Norton: Oh ja, das finde ich wundervoll, wie Alejandro da mit dem Superhelden-Genre gespielt hat. Eine Satire, gemacht von Leuten, die selber Ziel dieser Satire sind (lacht) … sehr meta, das Ganze.

SKIP: Sie sind seit zwei Jahrzehnten in diesem Business. Können Sie immer noch mit der gleichen Leidenschaft wie zu Beginn an neue Projekte herangehen?

Edward Norton: Aber ja. Gerade Filme wie dieser sind für mich das höchste der Gefühle. Genau sowas wollte ich machen, als ich angefangen habe. Für mich ist Alejandro auf jeden Fall unter den authentischsten und originellsten Regisseure meiner Generation, mit ihm zu arbeiten ist einfach ein Genuss. Es gab ja praktisch kein Budget, jeder wusste, dass es hier nicht ums Geld geht. Aber er hat wirklich etwas Großartiges geschaffen, ich meine, alleine technisch ist dieser Film teilweise bahnbrechend, ohne damit anzugeben.

SKIP: Es geht Ihnen also beim Arbeiten vor allem um die gute Erfahrung mit guten Leuten bei einem Film? Ist das auch ein Grund, warum Sie gerne mit Wes Anderson arbeiten?

Edward Norton: Ja, gerade Wes ist da ein gutes Beispiel, seine Filme fühlen sich ja wirklich an wie mit einer fixen Theatergruppe. Man spielt mal einen kleineren Part in dem einen Film und einen größeren in dem anderen - ein herrlicher Spaß. Und: a) ich mag seine Filme echt und b) sind sie sehr lustig zu machen. Also perfekt für mich! Ich habe viel bei der Arbeit mit Wes gelernt. Ich habe ja gerade selber ein Projekt in Vorbereitung, wo ich Regie führen möchte, und da kann ich enorm auf die Erfahrungen mit ihm zurückgreifen. In Sachen Produktionsplanung und so Zeug ist Wes echt sehr schlau. Er weiß immer, wie man für möglichst wenig Geld Enormes rausholt. Denken Sie an Grand Budapest Hotel, der sieht doch wirklich riesig aus, er hat den aber sehr. sehr billig hinbekommen, einfach durch sehr schlaue Tricks und Kniffe, bei denen ich ihm einfach liebend gerne zusehe.

SKIP: Es ist schön, Sie wieder so zufrieden zu erleben. Aber es gab in Ihrer Karriere ja schon auch mal Punkte, wo Sie das Gefühl hatten, dass alles den Bach runtergeht und sie sich gefragt haben, in welche Richtung Sie sich hinbewegen sollten, oder?

Edward Norton: Natürlich. Aber hey, unser Job ist ja nicht gerade so, als würde man für die CIA in Belutschistan festsitzen. Wenn man sich als Schauspieler so furchtbar ausgelaugt fühlt, dann, mein Gott, arbeitet man halt eine Weile nicht! Die Welt wird deshalb nicht untergehen. Irgendwann wirds schon wieder klappen. Das ist auch das Schöne an meinem Beruf: Wenn man älter wird, ändern sich zwangsweise die Rollen, die man spielen kann, man kann praktisch gar nicht irgendwo stecken bleiben.

SKIP: Wie sehen Sie auf Filme zurück, bei denen die Erfahrung nicht so großartig war? Ich denke da etwa an The Italian Job, da haben Sie in einem Interview mal gemeint, dass Sie den wohl lieber von Ihrer Filmliste streichen würden.

Edward Norton: Ja, das lag vor allem daran, dass der Film gerichtlich erzwungen wurde. Es war eine sehr schräge Situation: Das Studio fand, dass ich Ihnen aufgrund irgendeines Kompensationsvertrages noch einen Film schuldig war. Ich war zwar anderer Meinung, aber die haben mir die Daumenschrauben angesetzt, und so wurde halt der Film draus. Aber sogar der machte Spaß beim Dreh, auch wenn er wohl eher ein überlanger Auto-Werbespot geworden ist.

Interview: Kurt Zechner / August 2014

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.