Massenmörder unter uns

Interview mit Joshua Oppenheimer zu The Look of Silence

In Venedig präsentierte der US-Filmemacher den Nachfolger seines vielfach preisgekrönten The Act of Killing, die beklemmende Doku The Look of Silence. Dafür gabs den Großen Preis der Jury.

SKIP: War es Ihnen immer schon klar, dass Sie zwei Filme über die mangelnde Aufarbeitung der schrecklichen Massaker in Indonesien 1965-66 drehen würden?

Joshua Oppenheimer: Eigentlich nicht. Der Ursprung von The Look of Silence liegt in einer Szene, die ich für The Act of Killing gedreht habe, wo zwei Männer mich zu einem Fluss führen, an dem 10.500 Leute getötet wurden. Sie gehen mit mir das Flussufer entlang und zeigen mir genau, wie sie mitgeholfen haben, so viele Leute umzubringen - und dann fotografierten sie sich dort gegenseitig, lächelnd: Erinnerungen an einen glücklichen Tag. Ich hatte bis dahin nicht vorgehabt, zehn Jahre meines Lebens in Indonesien zu verbringen, aber an diesem Nachmittag wusste ich, ich müsste so lange dortbleiben, wie es nötig sein würde.

SKIP: Im ersten Film gings eher um den Genozid selber, seine Aufarbeitung und die auch noch heute andauernde Verherrlichung der Täter - diesmal um die direkten und indirekten Opfer und die konkreten Auswirkungen auf ihr Leben dort, wo ja Täter und Opfer teilweise immer noch Tür an Tür leben.

Joshua Oppenheimer: Genau. Es gibt ja bis heute auch keinen Versuch der Wiedergutmachung. Und ich wollte der Frage nachgehen, was es bedeutet, sich ein Leben aufbauen zu müssen, ohne jemals über die Ursachen seiner Traumatisierung und seiner Ängste reden zu können - weil es zu gefährlich ist. Mein Protagonist ist ein Mann, der sich um eine Art von Aussöhnung bemüht und dabei komplett scheitert. Adi, dessen Bruder im Genozid ermordet wurde, wollte sich mit den Tätern treffen. Er dachte, wenn sie zugeben würden, was sie getan haben, und dass es falsch war, dann könnte er ihnen als menschliche Wesen vergeben, und man könnte Seite an Seite weiter miteinander leben. Er scheitert, weil niemand der Täter zugibt, dass sie etwas Unrechtes getan haben. Wir lernen daraus, dass Täter zur Reue nicht gezwungen werden können, solange es keinen politischen Wechsel gibt.

SKIP: Wie war der Dreh in so einem Klima?

Joshua Oppenheimer: Bei den Präsidentschaftswahlen im Juli wurden wir schon etwas nervös: Ein Kriegsverbrecher, der nachweisbar an den Massakern teilgenommen hat und diese sogar glorifiziert, galt als Favorit für die Wahl. Es war sehr riskant, was Adi da versucht hat. Wir haben diesmal auch viel mehr Vorsichtsmaßnahmen getroffen als bei den Dreharbeiten zu The Act of Killing. Wir hatten immer Zweitwagen dabei, um Verfolgungen entgehen zu können, wir haben sämtliche Daten der Crewmitglieder geheimgehalten - und wir hatten immer Gepäck für alle von uns am Flughafen lagernd, auch für Adi und seine Familie, falls irgendetwas schiefgehen sollte.

Interview: Kurt Zechner / September 2014

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