Zwischen Welten

Interview mit Sudabeh Mortezai zu Macondo

Nach ihren Dokumentarfilmen Children of the Prophet und Im Bazar der Geschlechter wagt sich Sudabeh Mortezai an ihren ersten Spielfilm: Macondo spielt in einer Flüchtlingssiedlung am Rande von Wien und wurde bei der Berlinale auf Anhieb in den Wettbewerb geladen.

SKIP: Warum wurde gerade diese Geschichte zu Ihrem ersten Spielfilm?

Sudabeh Mortezai: Nach meinen beiden Dokumentarfilmen hatte ich Lust, mich Richtung Spielfilm vorzutasten. Ich hab dann zufällig von Macondo gehört, einem Ort, den kaum jemand in Wien kennt, und wo viele Menschen aus verschiedenen Ländern auf engstem Raum leben. Ich bin hingefahren und hab begonnen, zu recherchieren. Und da war mir sehr schnell klar: Ja, von hier aus will ich eine Geschichte entwickeln.

SKIP: Hat sich das aus Begegnungen in Macondo ergeben?

Sudabeh Mortezai: Ja, viele der Dialoge im Film habe ich dort aufgeschnappt, und die Figuren sind aus Menschen entwickelt, die ich kennengelernt habe. Auch die Geschichte habe ich so ähnlich dort gehört. In Macondo leben derzeit hauptsächlich Menschen aus Afghanistan, Tschetschenien und Somalia, es sollte also in meinem Film um eine dieser drei Kulturen gehen. In der Siedlung sind sehr viele Kinder den ganzen Tag draußen unterwegs, einerseits erleben die eine wilde Freiheit, andererseits wohl auch ein Stück Verwahrlosung, weil sich die Eltern wenig kümmern können. Daher wollte ich aus Kinderperspektive erzählen, und zwar von einem Kind, das früh schon sehr viel Verantwortung tragen muss. Die tschetschenische Gesellschaft ist extrem patriarchal, da sind die kleinen Burschen schon richtige Machos, die aber zugleich auch noch ein Baby auf dem Arm haben und zwei, drei jüngere Geschwister mitschleppen. Das fand ich interessant.

SKIP: Diese Kinder leben also im Zwiespalt zwischen Verantwortung und einer Autonomie, die Kinder aus österreichischen Familien seit Jahrzehnten nicht mehr kennen.

Sudabeh Mortezai: Ja, das ist die Realität dort. Das liegt auch an der tschetschenischen Kultur, die viele auch sehr altmodische, archaische Traditionen kennt, vom Konzept der Ehre, die verteidigt werden muss, einem sehr patriarchalen Bild der Frau, bis hin zum Brautraub. Alles, was da im Film vorkommt, habe ich in Macondo so vorgefunden. Das ist eine völlig andere Lebenswelt als die Realität bürgerlicher, österreichischer Kinder, die zwar Wohlstand erleben, aber zugleich wenig Freiräume haben.

SKIP: Kinder von Flüchtlingen müssen oft eine Vermittlerrolle übernehmen zwischen den Eltern und den Behörden, auch davon erzählt Macondo.

Sudabeh Mortezai: Das ist ein zentraler Punkt. Ich bin selbst mit meinen iranischen Eltern nach Wien gekommen, als ich 12 war, und ich glaube, fast alle Kinder aus Migrantenfamilien kennen es, dass man zum Bindeglied wird zwischen den Eltern und der neuen Gesellschaft. Oft sprechen ja die Kinder viel schneller Deutsch, weil sie in die Schule gehen und weil sie sich viel schneller anpassen. Dadurch werden sie automatisch zu Vermittlern. Das schafft großen Druck, etwa wenn sie bei Behördengängen oder beim Arzt übersetzen müssen. Aber zugleich ist es eine Chance, weil sie wirklich eine Brücke schlagen können zwischen den Kulturen.

Interview: September 2014

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