Mut der Verzweiflung

Interview mit Rene Russo zu Nightcrawler

Nach der umjubelten Premiere in Toronto machte Dan Gilroys Medienthriller Nightcrawler Station beim Zürich Filmfestival - und Rene Russo war dabei: ein Interview mit dem Star über Perspektiven, jüngere Männer und Karrieregeilheit.

SKIP: Sie sind verheiratet mit Regisseur Dan Gilroy - ist das nicht komisch, Anweisungen vom eigenen Ehemann zu kriegen?

Rene Russo: Oh, wir haben das vor dem Dreh im Detail durchbesprochen (lacht). Ich fand das Drehbuch von Anfang an toll, aber ich habe zu ihm gesagt: "Danny, an meiner Rolle muss man aber noch ziemlich arbeiten!" Er war allerdings strikt dagegen. Die Wahrheit ist, man hätte Nina auf hundert verschiedene Arten spielen können, und wir waren uns überhaupt nicht einig. Ich glaube, das liegt daran, weil ich eine Frau bin: Ich kenne die Verzweiflung, wenn du in einem bestimmten Alter bist und einen
prekären Job hast, keine Krankenversicherung, wenn du einsam bist und keinen Ehemann  hast - es war für mich einfacher als für Dan, Nina zu verstehen. Sie hat Panik, und jede Entscheidung, die sie trifft, mag sie auch eine moralische Bankrotterklärung sein, kommt aus dieser Angst. Sie entscheidet nicht einfach so, weil sie eine karrieregeile Bitch ist. Sie ist völlig verzagt.

SKIP: Woher kommt Ihr Verständnis für diese Verzweiflung?

Rene Russo: Meine Mutter war Alleinerzieherin und zwar lange, bevor die Frauenbewegung etwas erreicht hatte. Damals hat dir als Frau mit zwei Kindern niemand auch nur eine Wohnung vermietet. Und es hat mich sehr geprägt als Mädchen, meine Mutter so kämpfen zu sehen. Diese Erfahrung habe ich auf Nina bezogen. Ich will nicht über sie urteilen, weil wir wohl alle in unserem Leben einmal Dinge aus Verzweiflung oder Not tun, die wir eigentlich nicht für richtig halten. Auch ich habe immer wieder Dinge tun müssen, die ich nicht gut fand, weil ich unter Druck war oder weil ich Angst hatte. Ich wollte, dass Nina diese Qualität hat. Interessanterweise betrachten die meisten Männer sie ganz anders, die halten sie für eine toughe, berechnende Person, während Frauen sehen, dass sie wirklich Probleme hat. Schon verrückt, wie dominant unsere eigenen Erfahrungen beeinflussen, wie wir jemanden wie Nina einschätzen.

SKIP: Haben Sie selbst auch erlebt, dass Sie in Ihrem Alter berufliche Schwierigkeiten bekommen?

Rene Russo: Klar, das war doch immer so: Hollywood beliefert fast ausschließlich die Hauptzielgruppe 18- bis 27-jähriger Burschen. Und daneben gibt es ein paar wirklich erwachsene Filme, mit einer Handvoll Rollen - für gefühlt Millionen älter werdender Schauspielerinnen. Es gibt einfach nicht genug Filme, in denen ältere Frauen mitspielen. Bei Männern ist es anders, weil die im Kino und im Leben als Alte dann junge Freundinnen haben. Ich bin ja der Ansicht, wir älteren Frauen sollten uns jüngere Männer suchen, damit das endlich zur Normalität wird. Es wäre höchste Zeit dafür.

Interview: September 2014

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