Traumadeutung

Interview mit Christian Petzold zu Phoenix

Mit Phoenix drehte Christian Petzold einen furiosen Thriller über Liebe, die am Krieg zerbricht. SKIP sprach mit dem Filmemacher über die Schwierigkeiten, das Holocaust-Trauma zu verfilmen - in Theorie und Praxis.

SKIP: Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?

Christian Petzold: Phoenix beruht auf einem französischen Krimi, den mir mein leider heuer verstorbener Mentor und Ko-Autor Harun Farocki schon 1985 gegeben hat, als wir festgestellt haben, dass wir beide gerne Krimis lesen. Und der hat uns seither beschäftigt. Denn er war ein Ansatz, wie man eventuell eine Geschichte über das Nachkriegstrauma erzählen kann. Das Thema Holocaust beschäftigt, ja bedrängt mich seit langem, aber man man kann keinen Film darüber machen. Es wäre verabscheuungswürdig, eine Gaskammer zu filmen.

SKIP: Warum?

Christian Petzold: Weil wenn man das ins Bild setzen kann, dann wird es erzählbar, und dadurch auch zu verarbeiten - und wiederholbar. So brutal ist das. Wenn der Holocaust nicht gewesen wäre, wenn es Auschwitz nicht gäbe, dann wären die Rechtsradikalen wesentlich stärker bei uns. Und wen es ihnen gelingt, den Holocaust irgendwie begreifbar, erzählbar zu machen, dann öffnen sich wieder die Türen.

SKIP: Viele fordern vom Kino aber Realismus.

Christian Petzold: Gerade die, die Realismus fordern, die machen die schrecklichsten Bühnenbilder, wenns ums Dritte Reich geht. Die glauben dann, Authentizität ist, wenn man die großen faschistischen Gebäude in Berlin abfilmt und deutsche Schauspieler dazu mit schneidendem Militärton reden, und auf der anderen Seite gibts dann die "weichen" Juden ... Ich finde das so grauenhaft. In Phoenix gibts keine Hakenkreuze und keinen einzigen plakativen Satz, den man im Schulunterricht verwenden könnte.

SKIP: Wo haben Sie eigentlich gedreht?

Christian Petzold: In Legnica in Polen, dort gibt es noch einige Straßenzüge, die seit dem Krieg nicht mehr renoviert wurden. Aber es war mir ganz ganz peinlich und unangenehm, wir fuhren da in einem schwarzen Mercedes vor, und in diesen Häusern wohnen ja noch Leute - das Subproletariat Polens. Und wir kamen da als Deutsche mit dem dicken Auto an, stiegen aus und fotografierten ... da habe ich gesagt: Wir müssen hier irgendwie anders hin, mit Fahrrädern oder zu Fuß, aber so geht das nicht. Nach 1939 kann man nicht mehr im schwarzen Mercedes Polen vermessen.

SKIP: Muss man als Filmemacher solche Gefühle nicht manchmal außer Acht lassen, der Sache zuliebe?

Christian Petzold: Nein, finde ich nicht. Es gibt so etwas wie Dreharbeitenimperialismus, der geht mir immer auf den Sack, weil ich wohne hier in Berlin Kreuzberg und da wird dauernd gedreht. Und das ist wie Krieg. Erst wird das Gelände abgesperrt, dann kommen riesige LKW, Wachleute, die "Feldherren" in ihren riesigen Wohnmobilen … So möchte ich nicht arbeiten. Klar, wenn man einen Film dreht, braucht man eine Organisationsform, da sind ja schnell mal 80, 90 Leute am Werk. Aber nicht jede Organisationsform muss so imperialistisch daherkommen.

Interview: November 2014

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.