Der leise Chronist

Interview mit Nikolaus Geyrhalter zu Über die Jahre

Über die Jahre zeichnet das Dasein oben im nördlichen Waldviertel auf, dort, wo wenige Menschen Arbeit haben, und wo das Leben dennoch weitergeht. Ein SKIP-Gespräch über Anachronismen und innere Ruhe.

SKIP: Über die Jahre berichtet vom Vergehen von Lebenszeit. War das von Beginn an der Gedanke?

Nikolaus Geyrhalter: Wir haben das Projekt mit dem Ansatz begonnen, den Prozess des Arbeitsloswerdens zu filmen. Wir haben im nördlichen Waldviertel recherchiert, weil das eine bekanntermaßen wirtschaftlich schwache Region ist, und bei der Recherche durch Zufall von der Textilfabrik Anderl erfahren. Die wirkte wie aus einer anderen Zeit: Da standen Maschinen drin, die fünfzig bis hundert Jahre alt sind, da wurde noch 2004 ohne Computer gearbeitet. Und es gab nur noch wenige Leute dort, wir mussten also nicht auswählen, sondern haben einfach alle interviewt.

SKIP: Sind Sie dann in regelmäßigen Abständen hingefahren?

Nikolaus Geyrhalter: Am Anfang schon, um diese Fabrik und ihren Kosmos als Basis zu haben. Nach dem Konkurs wurden die Abstände unregelmäßig, wir haben dann gedreht, wenn wir wussten, dass etwas passiert, oder wenn gerade Zeit war. Das Projekt ist ja neben meinen anderen Filmen gelaufen. Ursprünglich wollten wir nur drei Jahre drehen und haben dann immer weiter verlängert.

SKIP: Zu Beginn geht es um diesen absterbenden Betrieb. Und allmählich verlagert sich der Fokus, und es geht einfach - ums Leben.

Nikolaus Geyrhalter: Das war das Schöne. Ja, die Leute verlieren ihre Arbeit, das ist aber nur eine vordergründige Inhaltsangabe. Was daraus folgt, war ja nicht planbar, und ich wollte das auch nie planen. Der Film war wie ein Baum, den wir gepflanzt haben. Der ist dann eben gewachsen, und wir wussten nicht, in welche Richtung. Wir haben zehn Jahre lang menschliche Geschichte abgebildet, und es ist schön, wenn das damit archiviert ist.

SKIP: Die Menschen haben über die Jahre viel zu ertragen: Da ist nicht nur die Arbeitslosigkeit, da sind auch Unwetter, Hochwasser und Familiendramen. Warum geht dort niemand weg?

Nikolaus Geyrhalter: Von unseren Protagonisten wäre das niemandem in den Sinn gekommen, glaube ich. Das Leben, die Gewohnheiten - es ist ja nicht einfach wegzugehen. Und wer sagt, dass es woanders besser ist? Es gibt zwar Resignation, aber einen großen Leidensdruck hab ich nicht gefunden.

SKIP: Über die Arbeitslosigkeit klagt auch kaum jemand, obwohl Sie öfters nachfragen.

Nikolaus Geyrhalter: Ja, das hat mich auch erstaunt. Ich glaube, dass diese Leute auf eine gewisse Weise schicksalsergeben sind, vielleicht ist es auch innere Ruhe. Es lebt sich in so einer Situation wohl angenehmer, wenn man nicht jeden Tag drüber nachdenkt, ob man nicht weggehen sollte, sondern wenn man einfach das Leben zur Kenntnis nimmt und das Beste draus macht. Ich glaube, dass diese Firma zugemacht hat, war nicht für alle diese Leute das schlechteste, was ihnen passieren konnte.

Interview: Magdalena Miedl / Februar 2015

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