Filme sind wie Einbrecher

Interview mit Werner Herzog zu Königin der Wüste

In Berlin präsentierte der unvergleichliche Werner Herzog sein History-Epos Queen of the Desert. Mit SKIP sprach er über vollgekotzte Schreibmaschinen und seinen Hang zum filmischen Bösen.

SKIP: Wie sind Sie auf Gertrude Bell, Ihre Königin der Wüste, gekommen?

Werner Herzog: Durch einen Freund von mir, Nick Raslan, einen aus Damaskus stammenden Produzenten. Eines Tages meinte er zu mir: „Du musst unbedingt einen Film über Gertrude Bell machen!“ Ich antwortete: „Wer ist diese Frau?“ Eine Stunde später brachte er mir stapelweise Briefe und Kopien aus Tagebüchern. Nachdem ich kurz reingelesen hatte, war mir klar, dass es sich hier um etwas wirklich Großes handelt. Die Stimme von Gertrude Bell, die durch diese Schriften klang, hat mich mit großer Vehemenz gepackt, und ich wusste, dass ich daraus etwas machen müsste.

SKIP: Queen of the Desert ist Ihr erster Film mit einer weiblichen Hauptfigur. Wie kam es dazu?

Werner Herzog: Das war mir beim Dreh gar nicht wirklich bewusst. Erst später wurde ich darauf aufmerksam gemacht, und als ich darüber nachdachte, musste ich feststellen, die Leute haben recht, und ich hätte das wahrscheinlich schon viel früher in meinem Lebenmachen sollen. Schon alleine, weil ich als Regisseur mit weiblichenSchauspielerinnen immer schon gut umgehen konnte. Aber wissen Sie, meine Filme sind immer auf mich zugekommen, ein bisschen so wie... (denkt nach) Einbrecher. Man wacht irgendwann nächtens auf und hört irgendwelche Geräusche aus der Küche. Man steht auf – und steht ungebetenen Gästen gegenüber, die sich auf einen stürzen. Und da fragt man sich auch nicht, ob die jetzt männlich, weiblich, mexikanisch oder weiß Gott was sind.

SKIP: Ihre Filme überfallen Sie also in der Nacht?

Werner Herzog: Nicht unbedingt in der Nacht, aber ich habe einen vollständigen Film sehr schnell vor meinen Augen. Deshalb kann ich auch Drehbücher so schnell verfassen. Ich habe den Film schon vor mir, wie man ihn beim Screening sehen würde, und ich schreibe dann mit großer Dringlichkeit. Das Drehbuch zu Aguirre, der Zorn Gottes habe ich z. B. in zweieinhalb Tagen geschrieben. Ich war damals mit meiner Fußballmannschaft (Herzog war jahrelang aktives Mitglied des FC Schwarz-Gelb München, Anm.) mit dem Bus unterwegs, wir hatten zwei Fässer Bier dabei, und natürlich mussten die Jungs innerhalb kürzester Zeit das erste Fass aufmachen. Bald waren alle betrunken und grölten obszöne Lieder. Ich saß mittendrin im Bus, schrieb mit der linken Hand auf einer kleinen Schreibmaschine und versuchte mit der anderen Hand meinen Tormann, einen baumlangen Kerl, abzuwimmeln. Irgendwann lehnte er sich über mich und kotzte mir auf die Schreibmaschine … Was ich damit sagen wollte: Ich brauche keinen ruhigen Platz, ich brauche überhaupt nichts Bestimmtes. Wenn ich eine Geschichte vor mir habe, kann ich die auf der Stelle niederschreiben. Bei der Story von Getrude Bell war es auch so.

SKIP: Trotz der starken weiblichen Hauptfigur ist Königin der Wüste nicht wirklich ein feministischer Film – oder sehen Sie das anders?

Werner Herzog: Nun, Feminismus ist etwas Komplexes, vorallem im Zuge der Entwicklung in den letztenvierzig, fünfzig Jahren gibt es da mehrere Schulen, widersätzliche Richtungen, wechselnde politische Strömungen. Tief drinnen in mir könnte ich sagen: „Ja, ich bin ein Feminist!“Weil ich Frauen liebe und sie respektiere, wie ich nur kann. Undich denke mir immer: Was für eine furchtbare Welt wäre es,wenn es keine Frauen gäbe! Das Leben wäre wertlos ohne sie. Das ist meine Art Feminismus. Aber die Gefahr ist: Man machteinen billigen Film über Feminismus. Und die zweite Gefahr: Manmacht einen billigen Film über politische Angelegenheiten, woman sich auf den islamischen Staat und solche gerade aktuellenThemen bezieht. Etwas Interessantes geschah zum Beispiel bei der Weltpremiere des Films. Eine Filmfigur sagt etwas über den Koran, und plötzlich steht mitten im Publikum ein Mann aufund schreit: „Ihr unterstützt den Islam, zum Teufel mit euch!“ Dadachte ich mir, aha, alleine die Erwähnung des Themas scheintschon seltsame Emotionen in Wallung zu bringen. Da muss mansehr vorsichtig sein, wie weit man sich vorwagt.

Interview: Kurt Zechner / Februar 2015

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