Twin Peaks in der Stadt der Träume

Interview mit David Lynch zu Mulholland Drive - Straße der Finsternis

"Ich kann nicht arbeitssüchtig sein, weil ich das, was ich tue, nicht als Arbeit betrachte. Wenn schon, dann bin ich spielsüchtig." Peter Krobath hatte die große Freude, mit David Lynch über seinen neuen Film zu sprechen.

SKIP: Können Sie mir sagen, wie ein Film in Ihrem Kopf entsteht?

David Lynch: Filmemachen ist eine seltsame Sache: Es gibt immer Ideen, die am Anfang stehen, aber das heißt nicht, das sie am Ende auch noch wichtig sind. Mein Motto lautet: Etwas ist nicht fertig, bevor es nicht fertig ist. Bei Mulholland Drive war meine Arbeitsweise sehr surreal. Ich habe scheinbar willkürlich Wörter in willkürliche Szenen gepackt und als Ergebnisse neue Richtungen gesehen. Aber es nicht wichtig, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei. Wichtig ist nur, das du am Ende ein Ergebnis hast, entweder ein Huhn oder eben ein Ei.

SKIP: Ist das Ihre Kreativität beim Filmemachen, dass Sie am Anfang nicht wissen, was am Ende da sein wird?

David Lynch: Ich sehe das so: Es gibt einen Ozean voll Ideen. Und die Ideen sind wie Fische, die in mein Boot, also in meine Gedanken springen. Das kann ich nicht beeinflussen, ich kann sie nur sammeln, wenn sie kommen. Mein Job ist es, diese Ideen in Filmsprache zu übersetzen, wobei ich natürlich nie vergessen darf, woher sie gekommen sind. Dabei habe ich aber gar nicht so viel zu tun, denn die Ideen sagen mir ohnehin von selbst, wohin sie wollen.

SKIP: Godard sagte, ein Film braucht einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Mulholland Drive hat keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende - und ist trotzdem ein wunderbar unterhaltsamer Film. Was hat das für die Sprache des Kinos zu bedeuten?

David Lynch: Mein Film hat schon einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber es gibt da natürlich auch einige Abstraktionen, das stimmt schon. Ich bin der ehrlichen Überzeugung, dass die Leute einen Film auch intuitiv verstehen können, man muss ihnen nicht immer alles bis ins letzte Detail erklären. Wir verwenden unsere Intuitionen doch auch im wirklichen Leben, warum sollten diese Instinkte im Kino nicht mehr funktionieren? Ich glaube, dass es Raum für viele verschiedene Formen von Filmsprachen geben sollte - ganz besonders bei einem Festival wie Cannes.

SKIP: Sie sagen, dass Mulholland Drive nicht für alle Zuschauer der gleiche Film sein soll?

David Lynch: Kein Film ist für alle gleich. Nicht ein Teil des Lebens ist für alle gleich. Heute funktioniert Hollywood so, dass man immer gleich alles verstehen will. Aber es gibt auch ein Verstehen, das vom Gefühl herkommt. Ich verlange ja auch nicht, dass mir Federico Fellini bis ins letzte Detail erklärt, warum er 8 1/2 gemacht hat. Ich will den Film selbst erfahren. Er wird mir entweder gefallen oder nicht, aber es wird mir auf jeden Fall Spass machen, dass ich mich auf etwas Unbekanntes eingelassen und vielleicht sogar etwas Neues entdeckt habe.

SKIP: Das klingt, als ob Sie Ihre Filme träumen würden, bevor sie auf die Leinwand kommen.

David Lynch: Das hat viel mit einem Traum zu tun. Träume sind etwas sehr Abstraktes. Wenn man etwas Schönes geträumt hat, kann es vorkommen, dass man danach sehr frustriert ist, wenn man diesen Traum jemand anderen weitererzählen will. Wörter reichen bei einem Traum nicht aus, die Sprache des Films dagegen kann dieser Abstraktion sehr entgegenkommen.

SKIP: Ihre Besetzung besteht diesmal zum Großteil aus relativ unbekannten Gesichtern. Haben Sie bewusst nach TV-Schauspielern gesucht?

David Lynch: Die wichtigste Regel beim Casting lautet, dass man genau die Person findet, die für die Rolle richtig sind. Wir alle wissen, dass Schauspieler, die heute berühmt sind, irgendwann mal noch nicht berühmt waren. Das heißt aber nicht, dass sie damals nicht auch schon gut waren. Ihr Talent ist schon da, es wartet nur darauf entdeckt zu werden. In Hollywood gibt es ein unglaubliches Reservoir an unbekannten Gesichtern, eigentlich ist es sehr leicht, da die richtige Person für die Rolle zu finden.

SKIP: Ist Mulholland Drive nicht zuletzt auch ein Film über die ultimative Stadt der Träume, über Hollywood?

David Lynch: Betty steigt aus dem Flugzeug, voll Hoffnung, so wie hundertausende andere Menschen auch, die quasi täglich hier ankommen. Sie wollen ihre Kreativität entwickeln, im besten Fall werden sie Ruhm und Reichtum erreichen, im schlechtesten Fall nur mit Macht und Manipulation konfrontiert werden. Hollywood ist ein schmutziges Spiel, vergleichbar etwa mit den Casinos von Las Vegas: Da gewinnt auch kaum einer, aber weil so viele Leute rein gehen, gibt es trotz der geringen Chancen doch auch immer einen, der am Ende als großer Glückspilz dasteht. Aber letztendlich ist Hollywood doch viel zu komplex für uns. Diese Story kann ein Film allein nicht erzählen.

SKIP: Ist es möglich, in Hollywood ein normales Leben zu führen?

David Lynch: Es ist auf jeden Fall ziemlich schwierig. Aber was ist schon normal. Das ist doch alles relativ. Mir gefällt die Stadt, weil sie das beste Licht dieser Welt hat. Ich denke, die Leute leben am liebsten dort, wo sie es gemütlich haben. Und ich habe es schon ganz gemütlich in Hollywood. Bis jetzt zumindest. Kann sich natürlich alles ändern.

Interview: Mai 2001

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