Eine Tapete aus Gewalt

Interview mit Jacques Audiard zu Dämonen und Wunder - Dheepan

Nach Un héros très discret, Ein Prophet und Der Geschmack von Rost und Knochen war Jacques Audiard zum vierten Mal in Cannes – und hat für seinen Thriller Dheepan endlich die Goldene Palme abgeräumt!

SKIP: Dieser Film ist sehr anders als der Vorgänger Der Geschmack von Rost und Knochen (2012): keine bekannten Gesichter, teilweise sogar eine andere Sprache. Wollten Sie etwas ganz Neues versuchen?

Jacques Audiard: Nein, das war gar nicht die Idee. Das Projekt ist schon kurz nach der Fertigstellung von Ein Prophet (2009) entstanden. Der ursprüngliche Gedanke war, eine Liebesgeschichte aus einem völlig neuen Blickwinkel zu versuchen, und das ist mir wichtiger als der Thrilleraspekt. Ich sehe Filme als trojanische Pferde, bei denen es eine Geschichte gibt, in der das dunkle Herz eines ganz anderen Themas pocht.

SKIP: Dieses dunkle Herz sind hier wohl die Nöte der Einwanderer in Europa. Ist Ihnen der politische Bezug wichtig?

Jacques Audiard: Ja, ich habe den Eindruck, dass sich immer noch viel zu wenige Menschen dafür interessieren. Als ich vor fünf Jahren mit dem Drehbuch für Dheepan begonnen habe, war die Lage noch nicht so kritisch wie jetzt. Ich bin von der Frage ausgegangen: Wer sind die Menschen, die uns in den Cafés in Paris versuchen, Rosen zu verkaufen? Wie leben sie, wo kommen sie her? Das ist natürlich eine romanhafte Idee. Aber wenn das hilft, die Situation auch menschlich verständlich zu machen – um so besser.

SKIP: Diese Menschen kommt aus einem von Bürgerkrieg zerrissenen Land, und erfährt hier in Europa eine andere Form der Gewalt. Sie zeigen das aber nur im Hintergrund – weshalb?

Jacques Audiard: Ich wollte keine Doku über den Bürgerkrieg in Sri Lanka machen oder über die Gang-Fights in den verwahrlosten Wohnblocks von Paris. Das ist nur die Tapete, vor der die Handlung passiert. Ich finde langwierige Milieubeschreibungen in Filmen immer mühsam, und ich wollte, dass die Figuren diese Geschichte voll und ganz verkörpern. Und so ist der Film dann geworden.

Interview: Mai 2015

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