Wer ist Jack?

Interview mit Johannes Krisch zu Jack

Vom Mörder zum Medienheld: In Elisabeth Scharangs Drama Jack zeichnet Johannes Krisch eine der denkwürdigsten österreichischen Celebrities der jüngeren Geschichte nach. SKIP sprach mit ihm über das Phänomen Unterweger.

SKIP: Wie kam es zu diesem Projekt, und wie kamen Sie dazu?

Johannes Krisch: Elisabeth hat mir irgendwann erzählt, dass sie vorhätte, einen Film über Jack Unterweger zu machen und dass sie sich vorstellen könnte, dass ich das spiele. Das ist mittlerweile glaub ich schon fünf oder sechs Jahre her. Ich hab sofort gesagt: „Super, interessiert mich brennend.“

SKIP: Hatten Sie keine Bedenken, sich einer so schwierigen und vor allem so öffentlichen Figur so hinzugeben?

Johannes Krisch: Natürlich, aber das war mir damals noch gar nicht nicht bewusst, was da alles auf mich zukommen wird (lacht). Jedenfalls gab ich quasi eine Instant-Zusage, und sie hat mich dann immer einbezogen in die einzelnen Entwicklungsstufen. Es verfolgt mich schon sehr lange, dieses Projekt, dementsprechend intensiv konnte ich mich auch darauf vorbereiten. Das war sehr luxuriös, so viel Zeit einer Auseinandersetzung mit einer Figur hat man sonst ja nie.

SKIP: Und wie lief dann die tatsächliche Vorbereitung? Wie nähert man sich so einer Figur konkret? Über sein literarisches Werk, über den medialen Irrsinn, den er überall auslöste oder haben Sie gar nichts davon an sich herangelassen, um ein eigenes Bild zu finden?

Johannes Krisch: Ich hab alles aufgesogen. Ich hab natürlich alles gelesen von ihm, was es zu lesen gab, und ich hatte auch das Privileg, die psychologischen Gutachten und Aussagen und die gerichtlichen Protokolle lesen zu dürfen. Und da kommt man einem Menschen dann schon sehr nahe.

SKIP: Nachdem Sie sich so intensiv mit Unterweger beschäftigt haben, können Sie zumindest irgendwie nachvollziehen, was er gemacht hat?

Johannes Krisch: Meine Schlussfolgerung ist einmal mehr, dass alles, was er getan hat, in jedem einzelnen von uns drinnensteckt. Jeder wäre dazu fähig – nur die meisten tun es halt nicht. Aber wie schmal diese Grenze ist, ist erschreckend. Er hat sie überschritten, er ist quasi über den Zaun geklettert.

SKIP: Die Faktenlage, was die Morde nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis betrifft, wurde nie wirklich aufgearbeitet …

Johannes Krisch: Ja genau, das ist das, was mich so irritiert. Er hat sich das Leben genommen, und damit war auf einmal alles gegessen. Man hat sich nicht die Frage gestellt, hat er sich umgebracht, weil er diesem Druck und der üblen Nachrede nicht standhalten konnte, oder hat er sich umgebracht, weil er’s wirklich war. Diese Fragen blieben unbeantwortet. Und das ist halt schon etwas, was mich stutzig macht, warum das in unserem Land so ist – der hat sich umgebracht, also passt, Akt weg, die Sache ist erledigt.

SKIP: Also halten Sie es theoretisch auch für möglich, trotz der erdrückenden Indizienlage, dass er die anderen Morde (Unterweger wurde nur für einen Mord 1974 rechtskräftig verurteilt) alle nicht begangen hat und immer nur gerade zufällig vor Ort war?

Johannes Krisch: Prinzipiell ist alles möglich. Die Frage ist immer nur, inwieweit man es beweisen kann. Und ich glaube, dass die Beweise hier sehr anfechtbar sind. Aber ich werde den Teufel tun und mich da jetzt in irgendein Fahrwasser begegeben und sagen, er war’s oder er war’s nicht. Ich habe mir die Frage beantworten müssen, um es spielen zu können, aber wie, werde ich nicht sagen, weil sonst würde ich ja meiner Darstellung das ganze Geheimnis nehmen.

SKIP: Können Sie sich erklären, warum Unterweger so stark auf andere Menschen gewirkt hat, insbesondere auf Frauen? Er hat ja bis zum Schluss immer Damen gefunden, die ihm fast willenlos praktisch alles geglaubt haben.

Johannes Krisch: Naja, er war offenbar ein recht großer Charmeur. Und so ein Mann, der schon einmal über diese Grenze gegangen ist und einen Menschen umgebracht hat – das haftet ja an einem und sorgt für eine Ausstrahlung, die sehr animalisch ist, die sehr gefährlich wirkt. Und dieses Spiel mit dem Feuer suchen bestimmte Frauen eben. Das ist psychologisch schon sehr interessant.

SKIP: Was, glauben Sie, war Unterwegers größtes Talent?

Johannes Krisch: Ich glaube, dass der ein unheimliches Talent hatte, mit Menschen umzugehen, sie zu beeinflussen und so sein Ding durchzuziehen. Das konnte er fantastisch, ein sehr manipulativer Mensch. Er konnte fast jeden für sich völlig vereinnahmen, das gelingt nur sehr wenigen.

Interview: Kurt Zechner / September 2015

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